Wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt…
Studientag über Wahres und Unwahres
7. September 2026
jugend-kultur-kirche sankt peter, 60313 Frankfurt a. M., Bleichstraße 33

Der Umgang mit der Wahrheit hat sich verändert. Falschinformationen, manipulierte Fakten, KI – Menschen fühlen sich verunsichert. Wie kann Wahres von Unwahrem unterschieden werden? Welche Absicht steckt hinter der Überflutung mit Informationen? Welche Rolle spielen dabei die evangelische Kirche, der Glaube?
Wie bleibe ich resilient?

von Gesine Cukrowski

Die diesjährige Preisträgerin Sophie von der Tann besaß schon früh in ihrem Leben einen Kompass, ein Ziel: Sie wollte Journalistin werden. Ihr Wunsch nach dem Abbilden der Realität, der Einordnung von Sachverhalten und der Frage nach dem Warum, schien so groß zu sein, dass sie diesen Weg bereits als Schülerin einschlug und nicht mehr verlassen sollte. Zum Glück!

Sophie von der Tann war durchdrungen von großem geschichts- und religionswissenschaftlichem Interesse, so dass sie als noch jugendliche Nachwuchsjournalistin ein tieferes Wissen darüber erlangen wollte, was in ihrer Heimat während des Nationalsozialismus passiert ist. All das schlug sich nach der Schule in den Studiengängen Orientalistik, Theologie und Geschichte nieder. Bei all ihrer Breite zeugen diese Studiengänge von einem gemeinsamen Fixpunkt, der Sophie von der Tanns Wirken tief durchdrungen hat: der immerwährenden Suche nach der einen Sache: dem Verstehenwollen.

Immer wieder war sie hier in Deutschland, wie so viele ihrer Kolleginnen, mit dem typisch patriarchalen Gehabe konfrontiert, das versucht, höchstqualifizierte Journalistinnen wie von der Tann, auf Alter und Aussehen zu reduzieren und ihr über diesen eingetretenen Pfad altbekannter Herabsetzungsvesuche ihre berufliche Qualität schmälern zu wollen. Oft auch unbewusst und nett gemeint, verschiebt sich so der Blick von Kompetenz und Arbeit hin zu Jugend und Geschlecht. Attribute, die in ihrem Arbeitsalltag so gar keine Rolle spielen.

#Metoo hat im Journalismus leider noch nicht stattgefunden, auch wenn das mehr als überfällig ist.

Diese im Grunde ihres Wesens sturzlangweilige und so ermüdend erwartbare Gewöhnlichkeit, mit der sich Frauen in Beruf und Alltag immer und immer wieder konfrontiert sehen, vor allem wenn sie – auf welche Weise auch immer – in Erscheinung treten, hat Sophie von der Tann in jedem ihrer Interviews, das sie vor allem nach dem 7. Oktober 2023 gab, wunderbar souverän und professionell von sich wegargumentiert. Stoisch blieb von der Tann beim Thema und bei ihrer Berufung, sich der Wahrheit verpflichtet zu fühlen.

Doch geschlechtsspezifische Rahmung ist vielleicht noch das geringste aller Übel, mit dem sich unsere widerstandsfähige Preisträgerin auseinandersetzen musste und immer noch muss.

Vielleicht sollten wir deshalb lieber anfangen unseren Fokus auf das zu lenken, was Sophie von der Tann uns allen gegeben hat:

Ihre Art der Berichterstattung, ihre Reportagen aus Israel insbesondere in den ersten Stunden und Tagen nach dem 7. Oktober, als sie in der ARD 5 Tage und Nächte auf sich allein gestellt war – natürlich mit ihrem Team, aber ohne Ablösung, weil der Kollege in Deutschland festsaß – half uns allen, diesen Samstagmorgen im Oktober mit all seiner sprichwörtlich unfassbaren Grausamkeit und Brutalität in seiner ganzen Dimension überhaupt erst einmal erfassen zu lernen. Sophie von der Tann schien quasi überall gleichzeitig zu sein, behelmt und mit schusssicherer Weste – immer unter der notwendigen Abwägung der eigenen Sicherheit und der ihres Teams. Auch wenn es die absolute Sicherheit natürlich nicht geben kann, denn, wie Sophie von der Tann selbst einmal als Reaktion auf eine dieser nervigen Fragen nach ihrem Alter und ihrem Geschlecht antwortete, einer Rakete sei es schließlich egal, ob sie einen alten weißen Mann oder eine junge Frau träfe.

Es ist aber nicht „nur“ der Mut und die Unerschrockenheit, die Sophie von der Tann auszeichnet. Und es sind auch nicht allein diese fünf Tage im Oktober 2023. Es ist vor allem auch ihre unverbrüchliche journalistische Klarheit, die man ihrer Arbeit zu jeder Zeit anmerkt, trotz der hohen Einschränkungen in Gaza, Westjordanland und der militärischen Zensur in Israel.

Ganz im Gegenteil, Sophie von der Tanns klare Haltung ordnet sich dem Anspruch auf journalistische Objektivität unter – dem Aufgeben der eigenen, persönlichen Perspektive zugunsten einer übergreifenden. Ungebrochen auch nach immer wiederkehrenden verbalen AngriƯen und DiƯamierungskampagnen auf die Person Sophie von der Tann, sobald ihre Berichterstattung dem jeweiligen Narrativ der verfeindeten Kriegsparteien widersprach.

Auch widerstand Sophie von der Tann der Versuchung des Katastrophismus ebenso, wie einem unkommentierten Hinnehmen von regierungs- oder anderweitig gesteuerten Informationen, die sie uns Zuschauenden immer als solche kennzeichnete und damit der Objektivität sichtbar Rechnung trug.

Es sollte doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, von einer journalistisch tätigen Person am Ende die Quellen und die besonderen Umstände der Entstehung dieser Bilder und Beiträge zu erfahren.

Gerade in einer der unübersichtlichsten, eingeschränktesten und aufgeladensten Krisenregionen der Welt, deren Berichterstattung reflexartig von der jeweils anderen Seite als unglaubwürdig geframt wird, je nachdem, in welche Agenda sie gerade nicht passt, die ein Richtig oder Falsch per se nicht zulässt. Niemand kann hier gewinnen. Zu unüberwindbar scheinen die Verletzungen und der Hass. Der journalistische Anspruch auf Objektivität wird sofort zwischen Instrumentalisierung und DiƯamierung zerrieben.

Sophie von der Tanns WaƯe dagegen? Transparenz.

Dass ihr nun genau diese Transparenz immer wieder auch zum Vorwurf gemacht wird, ist für unsere Zeit ebenso bezeichnend, wie die Tatsache, dass diese Vorwürfe mit unwahren Behauptungen gespickt sind, mit denen von mehreren Seiten aus versucht wird, das Wirken der Preisträgerin zu diskreditieren. Dass sich die ganze Lawine bis hin zu Morddrohungen aufrollen sollte, ist in den aktuellen Zeiten leider kaum mehr verwunderlich, wenngleich uns die scheinbare Gewöhnung daran nicht davon abhalten darf, diese Entwicklung immer wieder zu verurteilen und insbesondere den davon betroƯenen Frauen unsere volle Solidarität auszusprechen.

Und das gilt auch für die Preisträgerin, die nicht nur für Objektivität im unabhängigen Journalismus steht, sondern auch für etwas, das uns in der Gesellschaft verloren zu gehen scheint: Ambiguitätstoleranz. Sophie von der Tanns Arbeit besteht auch immer darin, das darzustellen, was wirklich ist. Und Wirklichkeit hat keine zwei Seiten, sie ist auch per se nicht gut oder schlecht. Die Wirklichkeit unserer Welt besteht unter anderem auch darin, wie etwas auch gesehen, empfunden oder durchlitten wird. Die Stimmen dieser Menschen durch die Arbeit von Journalist:innen vor Ort hören zu dürfen ist so wichtig, denn sonst entfremden wir uns zunehmend weiter von dem Fundament der Realität und nehmen die Welt nur noch durch die Brille von mächtigen Interessensgruppen wahr.

Sophie von der Tanns Klarheit, ihr Kampf für Ambiguitätstoleranz und ihre journalistische Haltung sollte daher nicht nur ein Vorbild für ihren gesamten Berufsstand sein, sondern für uns alle, auch und vielleicht sogar insbesondere für die Männer in unserer Gesellschaft, weswegen ich mich besonders freue, dass ihr heute der Katharina-Zell-Preis verliehen wird.

von Sophie von der Tann

Was ist die Zukunft von unabhängiger Presse? Was ist die Zukunft von öffentlich-rechtlichen Medien? Das sind Fragen, die besonders nach gestern Abend immer dringlicher werden.

Ich würde diesen Preis, für den ich mich sehr bedanke, gerne den Frauen widmen, die ich in Israel, im Westjordanland und im Gazastreifen kennengelernt habe. Die für mich Menschlichkeit und Mut verkörpern.

Erstens Roni Wallach. Das ist eine Israelin aus der Nähe von Tel Aviv. Ihre Familie stammt aus meinem Heimatort in Osthessen und musste vor den Nazis fliehen. Ein Teil wurde ermordet. Vor Kurzem wurden Stolpersteine verlegt und so habe ich sie kennengelernt. Wir sind mittlerweile befreundet. Ronni ist in den letzten Jahren letzten Jahren unermüdlich auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Zuerst gegen den Versuch der Regierung Netanjahu die Justiz zu schwächen, dann für die Befreiung der Geiseln, die aus ihrer Sicht von der Regierung im Stich gelassen wurden.

Die zweite Person ist Dalia Al-Fakhouri. Das ist eine Palästinenserin aus dem Gazastreifen. Die unser lokales palästinensisches Kamerateam vor Ort getroffen hat. Ich selbst kann dort nicht hin als internationale Journalistin. Wir werden seit fast drei Jahren von Israel aus nicht reingelassen.

Sie hat durch einen israelischen Luftangriff ein Bein verloren und ist jetzt Mitglied einer Frauenfußballmannschaft im Gazastreifen. Trotz Behinderung und auch wenn das für Frauen gerade im Gazastreifen sehr ungewöhnlich ist, Fußball zu spielen. Sie hat den Mut aufgebracht und sagt, dass es ihr viel Kraft gibt inmitten all des Leides.

Und die dritte Frau ist Ines Fischer. Sie ist eine evangelische Pastorin an der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg und einmal im Monat lädt sie Menschen aller Hintergründe, aller Konfessionen, aller Religionen ein zu einer Morgenmeditation. Und während wir beobachtet haben - vor Kurzem - wie die Sonne aufging über dem Westjordanland, hat sie folgende Zeilen vorgelesen – ich lese einen Ausschnitt vor übersetzt aus dem Englischen:

„Die Sonne geht auf, ohne zu fragen, wer sie verdient.
Ihre Wärme fällt auf jedes Gesicht, jedes Dach, jede Wunde.
Mögen wir von dieser Großzügigkeit lernen.
Es liegt eine stille Macht in jedem Morgen.
Die Erinnerung daran, dass das Leben immer nach einem Neuanfang sucht.
Sogar nach langen Nächten,
sogar nach Angst,
sogar nach Enttäuschung.“

Ich fand das sehr tröstliche Worte, an die ich jetzt gerade wieder denken muss und ich dachte nur: sie passen!

Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) Illusion, Konstrukt, Narrativ?

Vortrag am 7.9.2026 beim Studientag „Wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

„Lügen fliegen und die Wahrheit humpelt hinterher.“ Dieser Satz hat manche Erlebnisse der letzten Monate gut auf den Punkt gebracht. Gehört habe ich ihn von Wolfgang Niedecken, dem Sänger von BAP, in einem Interview. Er ist ein Zitat von Jonathan Swift und stammt aus dem Jahr 1710. Der irische Satiriker Jonathan Swift („Gullivers Reisen“) prägte den Ausspruch in seinem politischen Journal The Examiner: „Falsehood flies, and the truth comes limping after it“.

Heute, am Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sehen wir in erschreckender Weise, wie Ängste und Frustrationen eine Wahl so dominieren, dass eine Diskussion über die Tatsachen und Argumente kaum mehr möglich war. In diesem Wahlkampf ging es um Emotionen, nicht um Argumente. Und immer wieder gab es Momente, wo die Wahrheit eher hinterher humpelte.

1. Bedrohte Wahrheit und Wahrheitstheorien

Es zeigt sich hier – wie in den Wahlkämpfen davor - eine wachsende Wahrheitskrise. Ironischerweise wird sie von Truth Social und anderen „Wahrheitskanälen“ angeheizt: Objektive Fakten haben weniger Einfluss als provokante Aussagen, die Empörung wecken und Angst schüren sollen. Wissenschaft, Medien, Justiz und Polik wird nicht mehr zugetraut, über wahre und angemessene Argumente zu entscheiden.

Schlimmer noch: Für immer mehr Menschen ist es irrelevant, ob Behauptungen wahr oder falsch sind. Es reicht ihnen, dass sie selbst und ihre Blase/Community etwas für wahr halten, selbst wenn dies nachweislich auf falschen Tatsachen beruht. Das Misstrauen in gesellschaftliche Institutionen führt auch in eine wachsende Offenheit für Verschwörungserzählungen. Sie deuten gesellschaftliche Entwicklungen als Ergebnis eines geheimen, planmäßigen und schädlichen Handelns mächtiger Personen oder Gruppen.

Der Soziologie El-Mafaalani hat dieses Phänomen erforscht: Er sagt „Ohne Vertrauen in gesellschaftliche Systeme und Institutionen wird man handlungsunfähig. Um als Misstrauender nicht handlungsunfähig zu werden, gibt es eine plausible Alternative: Man vertraut denen, die ebenfalls misstrauen. Und zwar nicht aufgrund ihrer Kompetenz oder Erfahrung, sondern einzig und allein aufgrund des gemeinsamen Misstrauens. Es entstehen Misstrauensgemeinschaften – eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität.“¹

Hier wirkt sich ein Politikstil aus, der vor allem von Donald Trump geprägt wurde. In seiner ersten Amtszeit dokumentierte die Washington Post 30.573 falsche oder irreführende Behauptungen von Trump, durchschnittlich etwa 21 pro Tag.

Eine seiner Beraterinnen erfand dafür den Ausdruck „alternative Fakten“: Die strategische Umdeutung nachweislich falscher Aussagen und die Erosion eines gemeinsamen Wirklichkeitsverständnisses. Um ungehindert Desinformation zu verbreiten, gründete Trump schließlich die Plattform „Truth Social“, beansprucht also für viele nachweislich falschen Aussagen subjektive „Wahrheit“. Digitale Plattformen und KI wirken hier als wirkungsvoller Verstärker.²

These 1: Die gegenwärtige Wahrheitskrise ist vor allem eine Vertrauenskrise.

Als Theologin erlebe ich diese Entwicklungen mit wachsender Beklemmung. Immer öfter geht mir die Frage des Pilatus durch den Kopf: „Was ist Wahrheit?“ Gibt es nur eine Wahrheit oder kann es mehrere Wahrheiten geben? Danke, dass Sie mit dem Studientag ein Forum bieten, über diese Fragen nachzudenken.

Wahrheit, so habe ich in meinem Studium gelernt, wird in der klassischen Philosophie (z.B. von Aristoteles) über die sogenannte Korrespondenztheorie definiert: Eine Aussage gilt als wahr, wenn sie mit den Tatsachen oder der Wirklichkeit übereinstimmt. In der Korrespondenztheorie gibt es nur eine Wahrheit, und diese lässt sich objektiv feststellen.

Doch diese Vorstellung von Wahrheit hat für mich in der praktischen Arbeit als Pfarrerin und als Forscherin zu religiösen Bildungsprozessen immer weniger getragen. Sie alle kennen die Erfahrung, dass Menschen bei einer Predigt völlig verschiedene Dinge hören und entsprechend sehr unterschiedliche Dinge darüber erzählen, was in der Predigt gesagt wurde. In meiner Forschung zur Wirkung von Glaubenskursen hat sich das auch gespiegelt. Die Lebenssituation und die eigenen Fragen der Teilnehmenden haben maßgeblich beeinflusst, was sie in den Kursen als relevant und für sie persönlich als „wahrhaftig“ mitgenommen haben.

Diese Beobachtung erklären konstruktivistische Wahrheitstheorien aus meiner Sicht einleuchtender. Der Konstruktivismus betont, dass wir keinen unmittelbaren Zugriff auf „die“ Realität haben. Wirklichkeit wird immer als Deutung unserer Wahrnehmungen und kulturellen Deutungsmuster konstruiert. In der konstruktivistischen Wahrheitstheorie gibt es Wahrheiten tatsächlich nur im Plural. Aber das heißt nicht, dass alle Aussagen wahr sind. Auch für Konstruktivisten gibt es Kriterien für wahre und falsche Behauptungen, die sich auch überprüfen lassen.

Dieser Zugang zu Wahrheitsfragen hilft mir, mit der Komplexität aktueller Konflikte umzugehen. Nehmen wir das Beispiel, das zu Kontroversen über die heutige Preisverleihung geführt hat: In Israel haben die Überlebenden der Shoah und ihre Nachkommen berechtigte Angst vor politischen Gruppierungen in ihrem Umfeld, die sie vertreiben wollen oder ihnen den Tod wünschen. Die Menschen in den palästinensischen Gebieten haben berechtigte Furcht vor radikalen Siedlern in Israel, die sie vertreiben oder ihnen den Tod wünschen. Beide Narrative haben ihr unbedingtes Recht, die Angst dahinter ist nachvollziehbar, und der Gegensatz der Narrative lässt sich nicht auflösen. Es gibt aus meiner Sicht keine Möglichkeit, über die eine Wahrheit im Konflikt Israel-Palästina zu befinden. Eine Journalistin hat die Aufgabe, die Wahrheitselemente der verschiedenen Narrative offen zu legen, und darum bemühen sich Menschen wie Sophie von der Tann auf beeindruckende Weise.

Aus konstruktivistischer Sicht gibt es nicht die eine Wahrheit, aber es gibt die Möglichkeit, die Faktizität von Aussagen zu überprüfen.³ Gerade wenn man nicht einfach und direkt auf eine objektive Wahrheit zurückgreifen kann, ist es wichtig, sich über Kriterien zu verständigen, wie Wahrheit überprüft wird. Wahrheit ist nicht beliebig und auch nicht nur subjektiv. Wahrheitsansprüche müssen sich an Verfahren, Diskursen und gemeinsamen Beobachtungen messen lassen.

Ein Kriterium ist die empirische Überprüfung: Unterschiedliche Beobachter verabreden Beobachtungsmethoden und prüfen, ob dieselben Phänomene sichtbar werden.

Ein anderes Kriterium ist die Prüfung auf Kohärenz und diskursive Bewährung: Wer stabile, gut geprüfte Wissensnetzen (etwa einen wissenschaftlichen Konsens) in Frage stellt, muss die entstehenden Widersprüche im offenen, pluralen Diskurs mit Gegenargumenten und Belegen auflösen. Quellen müssen nachprüfbar sein. Methodische Standards und institutionelle Sicherungen wie Redaktionsstatuten, Peer Review und Transparenzregeln müssen berücksichtigt werden.

Verschwörungserzählungen und Fake News brechen angesichts einer solchen diskursiven Überprüfung in sich zusammen. Darum schränken autoritäre Regierungen oft Medien, Wissenschaft, Gerichte und andere unabhängige Institutionen ein.

These 2: Wahrheit ist nicht beliebig, auch wenn Menschen Wirklichkeit unterschiedlich wahrnehmen.

2.) Wahrheit in der Bibel

Wie kommt eine Professorin für Praktische Theologie und Bischöfin dazu, sich der konstruktivistischen Wahrheitstheorie anzuschließen? Steht das nicht in radikaler Spannung zu der Aussage von Jesus „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“?

Auch im Konstruktivismus⁴ gibt es die Überzeugung, von der einen Wahrheit könnte nur ein Gott oder ein metaphysisches Wesen sprechen. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass Gott die unterschiedlichen menschlichen Perspektiven versteht. Im jüngsten Gericht wird offenbar werden, was Menschen entsprechend ihrer Perspektive Wahres gesagt und getan haben und wo sie das 8. Gebot gebrochen, gelogen, betrogen, manipuliert und Vertrauensverhältnisse zerstört haben. Aber wir Menschen haben keinen unmittelbaren Zugang zu dieser Wahrheit Gottes.

Was trägt eine theologische Perspektive für unsere Suche nach Wahrheit aus?

Die beiden Begriffe, die das Alte Testament⁵ für das Konzept „Wahrheit“ verwendet, spiegeln schon den engen Zusammenhang von Wahrheit und Vertrauen: אֱמֶת (ʼämæt) (Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit, Beständigkeit) und אֱמּונָה (ʼämûnāh) (Treue, Vertrauen, Zuverlässigkeit, Glaubenstreue). Auch Nichttheolog*innen kennen ein Wort aus dieser Wortfamilie: אָמֵן (Amen). Dieser „Bekräftigungspartikel“ meint: So ist es, das steht fest, darauf ist Verlass.

Im Alten Testament wird Wahrheit meist nicht als Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit verstanden, sondern als Eigenschaft, die eine Sache, eine Person oder ein Wort hat. »Wahr« ist etwas, wenn es hält, was es verspricht. Wahrheit meint eine immer neu erfahrene Zuverlässigkeit, also Beständigkeit, Treue, haltgebende Wirklichkeit. So wie wir von einem »wahren Freund« oder einem »wahren Wort« sprechen.

„אֱמֶת [’ämæt] ist Gottes Zuverlässigkeit, die dem Menschen zugewandt ist, so dass er bei ihm Schutz suchen darf. Gewiß sollte אֱמֶת [’ämæt] auch das Wesen des Menschen bestimmen, sein Tun und Handeln, vor allem in seinem Verhalten zu Gott. […] ‚Wahrheit‘, ‚Treue‘, ‚Zuverlässigkeit‘ sind Gottes Eigenschaften; dem Menschen aber bleiben sie aufgegeben, so oft er auch an ihnen versagt“ (Alfred Jepsen, Art. אָמַן, ThWAT 1, 340f).

3. These: Wahrheit im Verständnis der hebräischen Bibel ist kein Besitz von Gewissheiten, sondern die Erfahrung von Verlässlichkeit.

Besondere Bedeutung hat „Wahrheit“ im Neuen Testament in den johanneischen Schriften.⁶ Sie sind in einem Umfeld entstanden, in dem die Anhänger des christlichen Glaubens verfolgt und ihre Perspektive massiv in Frage gestellt wurde. Für die Menschen in den Gemeinden, an die sich diese Schriften richten, bekräftigt Johannes: Jesus sagt die Wahrheit und zeugt von der Wahrheit, die Jünger tun die Wahrheit. Ist das Trotz oder Trost? Ermutigung oder Immunisierung gegen andere Perspektiven?

„Wahrheit“ bezeichnet im Johannesevangelium die in Jesus zugänglich gewordene Wirklichkeit Gottes, die für den Menschen »Freiheit« (Joh 8,31-32), »Licht« (3,21) und »Leben« (14,6) bedeutet. Nach Tod und Auferstehung von Jesus bleibt die »Wahrheit« durch den Geist Gottes zugänglich (16,12-15), der deshalb »Geist der Wahrheit« genannt (14,16-17). Durch Jesus vermittelt und durch den Geist erschlossen, soll diese »Wahrheit« das Leben der Glaubenden bestimmen (4,23-24; 1 Joh 1,6.8; 2,4).

Klaus Wengst versteht „Wahrheit“ in seinem Kommentar zum Johannesevangelium nicht als abstrakte Aussage, sondern als die in Jesus erfahrbare Wirklichkeit Gottes. Im Blick auf „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32) deutet er Wahrheit als „das Mit-Sein Gottes auf dem Weg Jesu bis zum Kreuz“, das dem Menschen „Verlässlichkeit“ und „festen Boden“ gibt. Wahrheit werde nicht in einem Moment besessen, sondern erschließe sich im „beharrlichen Bei-der-Sache-Bleiben“, der erfahrenen und tragfähigen Gegenwart Gottes in Jesus. Das „schließt ein Bleiben in der Gemeinde und also in der Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler Jesu ein - im Ausharren in der Solidarität der Bedrängten.“

Diese Wahrheit „macht in der Tat frei von der Kumpanei mit der starken Welt, der Recht und Gerechtigkeit gleichgültig sind und die auch über Leichen geht.“ (274).

Wengst betont: „Wenn Jesus sagt ,,Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6), ist also die Reihenfolge zu beachten. Am Anfang steht ,,der Weg": „Einen Weg, der ins Leiden, in die tiefste Erniedrigung führt.“ (418). „Ein Weg ist zu gehen: der von Jesus als dem Beauftragten Gottes gewiesene und sich an Jesus orientierende Weg. Jesus verheißt, dass dieser Weg sich bewähren, sich als verlässlich erweisen wird. Was in dieser Weise „wahr" ist, lässt wirklich leben. Und zum Leben gehört immer auch ,,das Leben der anderen", nicht nur das eigene und das der eigenen Gemeinschaft.“ (419).

These 4: Jesu Aussage „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ beschreibt eine erfahrbare Lebenswirklichkeit.

Der johanneische Wahrheitsbegriff ist keine ideologische Behauptung und kein Machtanspruch. Wahrheit erschließt sich im Gehen des Weges Jesu, in Solidarität, Gerechtigkeit und der Erfahrung der tragenden Gegenwart Gottes. Wahrheit wird gelebt, nicht besessen.

3.) Konsequenzen für Kirche und Zivilgesellschaft

Die Selbstaussage Jesu „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, das ist kein Argument, sondern eine Erfahrung, die auf einem Lebensweg gründet.

Was trägt das aus für unser Ringen um Wahrheit und die damit verbundenen gesellschaftlichen Konflikte?

In meinem Nachdenken über diesen Vortrag ist mir immer wichtiger geworden, dass der Wahrheitsanspruch Jesu sich nicht in der Gattung eines Schlagabtauschs von Argumenten findet nach dem Motto “Ich habe recht“, sondern in einem Narrativ gründet. Die Lebensperspektive, die Gott eröffnet und von der die Evangelien erzählen, wird als wahrhaftig und vertrauenswürdig erlebt. Das gibt uns als Pfarrerinnen und Pfarrern die Chance, in unserer Kommunikation diesem Weg zu folgen. Ein Theologe, mit dem ich beim Hoffnungskulturfest in Dessau letzten Sonntag ins Gespräch kam, sagte mir: Ich gehe bei Anhängern der AfD nicht in eine Auseinandersetzung über das, was an dem Programm richtig oder falsch ist. Ich erzähle, wie ich aus dem christlichen Glauben heraus in dieser Zeit lebe und was mich dabei trägt und mir Hoffnung gibt.

Das ist für mich die Chance, die Predigt und Seelsorge bieten. Denn die Krise der Wahrheit ist eine Vertrauenskrise, aus der nur die Stärkung von Vertrauen durch entsprechende Erfahrungen führen kann.

Daher ist es zweitens unsere Aufgabe, Räume zu bieten, in denen vertrauensvolle Gemeinschaft erfahren werden kann, in denen erlebt wird: Ich kann hier vertrauen und mit anderen zusammen etwas gestalten und bewirken.

Ein drittes ist die Gestaltung von Orten des Hörens und Wahrnehmens. Zu solchen Verständigungsorten über die Streitfragen unserer Zeit gehört auch die Zumutung der verschiedenen, durchaus gegensätzlichen Perspektiven. Aber das muss in einem Modus geschehen, der Aufeinander Hören und einander Wahrnehmen ermöglicht und im Respekt vor Andersdenkenden geschieht.

Um diesen Aufgaben gerecht werden zu können, brauchen wir kirchliche Bildungsarbeit. Religionsunterricht ist eine Chance, eine dialogische Haltung einzuüben, einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Lebensperspektiven in einen respektvollen Dialog kommen. Schule und Jugendarbeit bieten auch die Chance, den Umgang mit sozialen Medien und die Überprüfung von Argumenten und Fake News einzuüben. Auf diesem Weg können wir uns als Kirche daran beteiligen, Orte der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit, nach Orten des Diskurses und der Einübung der Überprüfung von Sachverhalten zu gestalten, wie sie auch Papst Leo gefordert hat.⁷

Verlässliche Wahrheit können wir Menschen nicht objektivieren, nur erleben. Aber offener, überprüfbarer Diskurs kann Wahres von Falschem trennen.

Ich weiß: Das ist alles langsamer als die Algorithmen, die die Lüge fliegen lassen. Aus meiner Sicht sind wir denen aber nicht ohnmächtig ausgeliefert. Wir können Menschen stärken, anders mit Desinformation umzugehen und Wahrheitssuche stärken und fördern.

So werden wir frei von der Herrschaft der Angst.

So stärken wir Gerechtigkeit, Dialog und Wahrhaftigkeit.

Und so sorgen wir gemeinsam dafür, dass die Wahrheit nicht auf der Strecke bleibt.

Fußnoten

1 Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften.

2 Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV. von 2026: „Die Nutzung von digitalen Plattformen und von KI-Systemen beschleunigt die tiefgreifenden Veränderungen der öffentlichen und politischen Kommunikation. Mittel, die den Dialog und die Teilhabe fördern könnten, werden oft dazu genutzt, verzerrte Narrative zu konstruieren und die Grenzen zwischen dem Wahren und Falschen zu verwischen, indem Tatsachen und Meinungen vermischt werden. Desinformation hat nicht erst mit der KI begonnen, findet in ihr jedoch einen wirkungsvollen Verstärker. Die Möglichkeit, Inhalte, Bilder und Videos zu manipulieren, setzt die Bürger einseitigen oder irreführenden Sichtweisen aus.“ (Nr. 132, S. 98-99).

3 Martina Althoff: Konstruktivistische Überlegungen zu Wahrheitskrise, umstrittenen Wahrheiten und Fake News, Handbuch Soziale Probleme 2026 (im Erscheinen).

4 Hilary Putnam, Reason, Truth and History, Cambridge 1981, S. 49–50. Ein solcher Anspruch setzt, wie Hilary Putnam formuliert, einen „God’s Eye point of view“ voraus: einen Standpunkt außerhalb aller menschlichen Perspektiven, von dem aus sich die eine vollständige Übereinstimmung zwischen Sprache und Welt feststellen ließe.

5 Melanie Köhlmoos: Art. Wahrheit / Wahrhaftigkeit (AT), Link

6 Von den etwa 170 Vorkommen des Wortstamms ἀληθ- im NT steht etwa die Hälfte in den johanneischen Schriften: 55mal im Johannesevangelium, 23mal in den Johannesbriefen, eine ungewöhnliche Häufung.

7 Im vorliegenden Ausgangstext ist die Fußnotenmarke 7 vorhanden; der zugehörige Fußnotentext ist jedoch nicht enthalten.

 

Über die Wahrheit und eine strahlende Sophie von der Tann:

 

Spannende Expertengespräche, ein nachdenkliches und diskutierfreudiges Publikum sowie eine strahlende Katharina-Zell-Preisträgerin - der vom Pfarrerinnen- und Pfarrerverein und vom Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau organisierte Studientag über Wahres und Unwahres am 7. September in der Frankfurter "Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter" trifft voll den Nerv der Zeit.

Viele Menschen fühlen sich durch die Omnipräsenz Sozialer Medien, durch Falschinformationen, manipulierte Bilder und Texte, hybride Attacken und Künstliche Intelligenz (KI) verunsichert. Ihr Vertrauen in Medien wird erschüttert, sie vermeiden den Umgang damit und ziehen sich zurück ins stille Kämmerlein, "zum Tee und zur Lektüre des Ikea-Katalogs", wie es die Philosophin, Theologin und Medienethikerin Claudia Paganini formuliert.

Allerdings macht die Innsbruckerin auch deutlich, wie revolutionär die KI ist, im Guten wie im Schlechten. So erkenne sie statistische Zusammenhänge in großen Datenmengen, was etwa die Aufdeckung von Straftaten erleichtere. Außerdem spiele sie in der medizinischen Diagnostik eine wichtige Rolle.

Paganini verweist aber auch auf die negativen Seiten der neuen Technologie. Etwa, dass nur wenige große Tech-Konzerne sich das Training der KI leisten können, der Energieverbrauch immens und die Nutzung global sowie zwischen Generationen sehr ungleich verteilt ist.

Paganinis Fazit lässt viele Gäste in der überhitzten Kulturkirche frösteln: Ziel der KI sei es nämlich, das menschliche Denken zu ersetzen, und wer die Technologie kontrolliere, der bestimme, "welche Wahrheiten sichtbar werden und plausibel erscheinen bzw. langfristig unter Umständen auch, was wahr ist."

Wahr und unbestreitbar ist an diesem Montagmorgen der Erdrutschsieg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Von Magdeburg aus ist der Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), Reinhard Bingener, zugeschaltet. Er ist sichtlich betroffen von den Ereignissen im Land der Reformation. AfD-Aktivisten und Content-Producer hätten bei den Wahlveranstaltungen in Wittenberg, Halle oder Naumburg permanent für Tiktok, Instagram und Youtube gestreamt und ihre Sicht der Dinge verbreitet.

"Wir befinden uns mitten in einem medialen und technologischen Umbruch", sagt Bingener. Die digitale Revolution erfolge in rasender Geschwindigkeit und verändere die Gesellschaft stärker als die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metallettern im 15. Jahrhundert.

Auch die Arbeit der traditionellen Medien bleibe davon nicht unberührt, etwa das Prinzip, in einem Artikel immer alle Beteiligten zu Wort kommen zu lassen. Resignation sei allerdings keine Option, betont der FAZ-Journalist. "Die traditionellen Medien müssen den Wandel mitgestalten."

Betroffen von den Ereignissen in Sachsen-Anhalt zeigt sich auch die kurhessische Bischöfin Beate Hofmann. "Heute, am Tag nach der Landtagswahl, sehen wir in erschreckender Weise, wie Ängste und Frustrationen eine Wahl so überlagern, dass eine Diskussion über die Tatsachen und Argumente kaum mehr möglich ist/war. In diesem Wahlkampf ging es um Emotionen, nicht um Argumente."

In Sachsen-Anhalt, aber auch in anderen Wahlkämpfen habe sich gezeigt, dass sich das Land in einer "wachsenden Wahrheitskrise" und in einer Vertrauenskrise befinde, analysiert Hofmann. Fakten hätten weniger Einfluss als provokante Aussagen, die Empörung wecken und Angst schüren sollten. Wissenschaft, Medien, Justiz und Polik werde nicht mehr zugetraut, über wahre und angemessene Argumente zu entscheiden.

Die Bischöfin eröffnet in Frankfurt zwei theologische Perspektiven auf das Thema. Im Alten Testament bedeute Wahrheit "eine immer neu erfahrene Zuverlässigkeit, also Beständigkeit, Treue, haltgebende Wirklichkeit". Und in den johanneischen Schriften bezeichne Wahrheit "die in Jesus zugänglich gewordene Wirklichkeit Gottes, die für den Menschen 'Freiheit' (Joh 8,31-32), 'Licht' (3,21) und 'Leben' (14,6) bedeutet".

Als Konsequenz daraus regt Hofmann an, dass Pfarrerinnen und Pfarrer über die Lebensperspektive, die Gott eröffne und die als wahrhaftig und vertrauenswürdig erlebt werde, sprechen und predigen sollten. Die Kirche sollte ferner Räume zur Verfügung stellen, in denen vertrauensvolle Gemeinschaft erfahren werden kann, sowie "Verständigungsorte über die Streitfragen unserer Zeit" etablieren. Auch die kirchliche Bildungsarbeit und der Religionsunterricht böten die Chance, eine dialogische Haltung einzuüben.

Der Satiriker Florian Schroeder spricht schließlich aus, was Experten und Publikum sicher die ganze Zeit denken. "Die Lüge ist für Populisten wie Donald Trump und Ulrich Siegmund nichts anders als ihr fucking job". Deren Strategie gehe auf, weil sie an das Gefühl appellierten. "Siegmund verkauft ein Gefühl." Demokratische Parteien hingegen könnten nicht so handeln, sie müssten harte Fakten liefern.

Mit der Verleihung des Katharina-Zell-Preises an die Journalistin Sophie von der Tann durch die Vorsitzende des Landesverbandes Evangelische Frauen, Ursula Schmidt, endet der Studientag heiter und hoffnungsvoll. Diese Ehrung ist der eigentliche Höhepunkt des Tages. Denn die 35-jährige Preisträgerin steht für einen faktenbasierten Journalismus, der fair und empathisch ist, Quellen offenlegt und alle Beteiligten zu Wort kommen lässt. "Wir brauchen mehr Frauen im Journalismus mit Ihrer Expertise", sagt Laudatorin Gesine Cukrowski.

Sie werde weiter zeigen, was passiere und was ihre Gegenüber bewege, verspricht von der Tann bei der Entgegennahme des Preises und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Die Besucherinnen und Besucher, darunter ihre Eltern, applaudieren langanhaltend. Die zum Teil maßlose Kritik, sie habe während ihrer Zeit als ARD-Korrespondentin in Israel und Palästina von 2021 bis Ende Juli dieses Jahres nicht ausgewogen berichtet, tritt völlig in den Hintergrund. Auch die angekündigte Demonstration gegen die Preisvergabe verläuft im Sande.

Begonnen hatte der Studientag mit dem Titel "Wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt..." mit der thematischen Einführung der Vorsitzenden des Pfarrerinnen- und Pfarrervereins, Mirjam Raupp, sowie der geschäftsführenden Pfarrerin des Landesverbandes der Evangelischen Frauen, Anja Schwier-Weinrich. Grußbotschaften per Video übermittelten Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, und der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Mike Josef (SPD).

Dr. Dieter Schneberger
Fotograf Studientag: Joachim Storch

Präsentation: Claudia Paganini

Speaker

Prof. Dr. Claudia Paganini
Prof. Dr. Claudia Paganini
Religionsphilosophin
Innsbruck
Reinhard Bingener
Reinhard Bingener
Journalist
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hannover
Prof. Dr. Beate Hofmann
Prof. Dr. Beate Hofmann
Bischöfin
Ev. Kirche Kurhessen-Waldeck
Kassel
Florian Schroeder
Kabarettist
Berlin
Sophie von der Tann
Sophie von der Tann
Journalistin, ARD-Korrespondentin
Tel Aviv
Preisverleihung
Katharina Zell Preis der Evangelischen Frauen
ab 15.30 Uhr
Gesine Cukrowski
Gesine Cukrowski
Schauspielerin, Aktivistin
Berlin
Laudatorin der Preisverleihung

Warheit - Trailer

Bascha Mika zu: Wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt…

Journalistin und Publizistin. Ehemalige Chefredakteurin TAZ und Frankfurter Rundschau.

Im Gespräch mit Wolfgang H. Weinrich

Helmut Frister zu: Wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt…

Er ist Juraprofessor an der Universität Düsseldorf und leitet den Deutschen Ethikrat.

Im Gespräch mit Wolfgang H. Weinrich