
Florence Brokowski-Shekete ist Autorin, Rednerin und Gastgeberin eines Gesprächs-Podcasts. Als erste schwarze Schulamtsdirektorin in Deutschland zeigt sie auf, wie Diskriminierung im Allgemeinen und Rassismus im Besonderen sichtbare und unsichtbare Grenzen ziehen kann. Sie lebt und arbeitet in Heidelberg.
Florence Brokowski-Shekete ist eine Frau des Ausgleichs, ein freundlicher und fröhlicher Mensch. Unterschätzen sollte man sie nicht. Sie kann sich durchsetzen. Ihr Lebensmotto lautet: „Nett sein allein reicht nicht, man muss auch mal klare Grenzen setzen!“
Das hat sie gelernt auf ihrem Weg durchs Leben, der manchmal sehr steinig war. Florence ist 1967 in Hamburg geboren, als Tochter nigerianischer Eltern. Mutter und Vater studieren in Deutschland, wollen das auch weiterhin tun. Sie fragen einen evangelischen Pfarrer in Buxtehude, ob er nicht jemanden kenne, der sich um das Kind kümmern könne. Er weiß Rat. Denn in seiner Gemeinde ist Irmgard Brokowski als Ehrenamtliche tätig. Sie ist Mitte 40, von Beruf Schneiderin, lebt allein in einer 30-Quadratmeter-Wohnung und mag Kinder. Florence hat ein neues Zuhause.
Eigentlich soll es nur eine Betreuung für die Wochentage sein. Doch es kommt anders. Bald nennt das Mädchen die Frau mit der winzigen Wohnung und dem großen Herzen „Mama“.
„Wenn man ganz klein ist, ist es nicht wichtig, wie groß eine Wohnung ist, sondern dass da Herzenswärme ist, dass man sich wohl fühlt, dass da jemand ist, der sich um einen kümmert“, sagt Florence Brokowski-Shekete. Natürlich habe sie später gemerkt, dass Freundinnen größere Wohnungen oder Häuser hatten, mit tollem Bad samt Dusche, Waschmaschine, Trockner und all dem, was sie nicht hatten. „Aber ich wusste auch: Wir können uns das nicht leisten, unser Leben ist so, wie es ist“, ergänzt sie. Bei ihrer „Mama“ habe sie gefunden, was sie später als ihre eigentliche Heimat bezeichnet: Geborgenheit, Struktur und Zuwendung.
Doch diese frühe Sicherheit ist brüchig. Die leiblichen Eltern tauchen unregelmäßig und eher selten auf – mal angekündigt, mal überraschend – und reißen das Kind aus seinem Alltag. „Das war Stress“, erinnert sich Florence Brokowski-Shekete. Als Kind habe sie im Übrigen geglaubt, dass sie dankbar sein müsse, dass sich Menschen überhaupt mit ihr beschäftigen.
Nach sieben Jahren nehmen ihre Eltern sie schließlich mit nach Nigeria, in ein Land, dessen Sprache sie nicht spricht, dessen Kultur ihr fremd ist, in eine ihr unbekannte Familie. Der Abschied von der vertrauten Umgebung sei sehr schmerzhaft gewesen. „Ich weiß noch, dass ich beim Aussteigen aus dem Flugzeug in Lagos dachte: Das überlebe ich hier nicht“, erinnert sie sich.
In Lagos besucht sie die deutsche Schule – ein Stück Heimat in der Fremde. Doch sie bleibt eine Außenseiterin: die einzige Schwarze unter meist weißen Kindern. Ihre Familie hat wenig Geld, sie spürt die Unterschiede schmerzhaft.
Nach dreieinhalb Jahren darf Florence zurück nach Deutschland. Eine deutsche Lehrerin in der Schule in Lagos hat gesehen, dass dieses Kind unglücklich ist, dass es Bildung und Halt braucht. Auch dieser Frau habe sie viel zu verdanken. Endlich ist sie zurück bei ihrer „Mama“ in Buxtehude, findet zurück in ihr altes Leben. Mit Hilfe der evangelischen Paulusgemeinde bekommt sie ein Bleiberecht. Später adoptiert Irmgard Brokowski das Mädchen offiziell – aus Florence Shekete wird Florence Brokowski-Shekete. Alles ist gut. Aber der Gedanke an ihre mutige Lehrerin in Lagos lässt sie nicht los.
Und dann wittert sie eine Chance, wie sie auf die Spur dieser Frau kommen kann. Ihre „Mama“ liebt es, Fernsehen zu schauen, Florence guckt mit – unter anderem die Sendung „Melodien für Millionen“. In der Unterhaltungsshow des ZDF präsentiert Dieter Thomas Heck anrührende Geschichten, oft macht das Recherche-Team vermisste Verwandte oder Bekannte ausfindig und lädt Überraschungsgäste ein. Mit den erlebten Geschichten verbinden die Gäste meist musikalische Erinnerungen.
Warum nicht die Lehrerin auf diese Art suchen? „Ich schrieb also meine Geschichte runter und schickte sie ans ZDF. Damals musste man noch Wochen warten, bis etwas passierte. Irgendwann klingelt doch tatsächlich das Telefon und ein Mitarbeiter lädt mich in die Sendung ein“, erklärt Brokowski-Shekete. Ob sie denn die Lehrerin gefunden hätten, habe sie gefragt. „Nein“, so die enttäuschende Antwort. Aber durch die Sendung bestünde ja die Möglichkeit, dass es noch klappen könnte.
Dann kommt der Tag, die Sendung wird aufgezeichnet. Sie erinnert sich genau: „Ich setze an, meine Geschichte zu erzählen. Doch dann unterbricht mich Dieter Thomas Heck jäh, fordert mich auf, in Richtung Bühnenaufgang zu schauen.“ Da steht ihre Lehrerin aus Lagos. „Ich erkannte sie sofort, hatte das Gefühl, als hätte ich mich erst am Tag zuvor von ihr verabschiedet“, beschreibt sie die Situation.
Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben bleibt mühsam. „Meine Aufenthaltserlaubnis war an schulische Leistungen gebunden. Jede Note schlechter als eine Drei war für mich eine Katastrophe“, erzählt sie. Eigentlich möchte sie Flugbegleiterin werden, doch das Ausländeramt lehnt ab – dafür bekomme sie keine Arbeitsgenehmigung. Sie entscheidet sich für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch, Englisch und evangelische Religion.
Dazu braucht sie ein Praktikum. Den Wunschplatz im Kindergarten gibt es nicht. „Ich bin in ein Jugendzentrum gekommen zu Mädchen und Jungen, die völlig anders waren als ich, die andere Wörter benutzten. Begriffe, die ich zum Teil im Duden nachgucken musste, um mich dann zu beschweren, dass ich so nicht genannt werden wollte“, sagt sie. Die erste Zeit sei die Hölle gewesen. Doch nach und nach seien ihr die Jugendlichen ans Herz gewachsen.
„Die meisten von ihnen gingen auf die Hauptschule. Es war dann mein Credo zu sagen: Auch Hauptschüler haben das Recht auf motivierte Lehrkräfte. Das war eine Initialzündung für mich“, sagt sie.
Sie wird Lehrerin, macht Karriere, wird Rektorin, Schulrätin, Schulamtsdirektorin, berät Unternehmen, Institutionen, Ministerien, Hochschulen und andere Einrichtungen im Blick auf einen diversen, produktiven und würdevollen Dialog. Erst spät habe sie gelernt, dass sie Respekt einfordern dürfe. „Ich musste mir meine Selbstverständlichkeit als Deutsche hart erarbeiten“, sagt sie. Ohne die Menschen, die an sie geglaubt und sie gestützt haben, ohne das, was größer ist als alles andere, wäre das alles nicht möglich gewesen.
„Ich bin spirituell und glaube an eine höhere Macht, die für uns da ist. Das hat mich auch durch die Zeit in Nigeria gebracht“, sagt sie dankbar.
Florence Brokowski-Shekete versteht sich als Brückenbauerin. Sie tourt durch die Lande, entweder auf Leserreise, als Rednerin oder als Beraterin. Ihr großes Thema ist Alltagsrassismus. Diskriminierung geht uns alle an, sagt sie, über Rassismus müssen wir sprechen. „Opferrolle, nein danke – Perspektivwechsel, ja bitte!“, fordert sie.

