Literaturempfehlung: Ali Smith

Dieses Buch von Ali Smith sträubt sich gegen jede einfache Einordnung. Als Auftakt zu ihrem Jahreszeiten-Quartett begibt sich die britische Autorin hier auf experimentelles Terrain, indem sie das Politische mit dem Persönlichen, den Traum mit der Wirklichkeit, die Vergangenheit mit der Gegenwart verwebt.

Die Gegenwart: das ist das Jahr 2016, der späte Herbst, die Jahreszeit der Ernte, der Vergänglichkeit, des Übergangs. Der Künstler Daniel Gluck liegt im Sterben. Die Aushilfsdozentin Elisabeth, Kunstwissenschaftlerin, Anfang 30, kennt ihn von früher: Er war ihr Nachbar, der sie als Elfjährige mit der Kunst bekannt machte, sie zum Lesen brachte, ihr ein Lehrer war, der nicht belehrte, und ihr einen Ausweg bot aus dem prekären Leben mit der vorwiegend abwesenden Mutter. Vor allem aber wurde er ihr damals ein platonischer Freund, einer „fürs Leben – Manchmal wartet man sein Leben lang auf so jemanden“.

Nun, kurz nach seinem 101. Geburtstag, besucht Elisabeth ihn im Pflegeheim. Sitzt neben ihm, während er mehr und mehr schläft. „Er ist so winzig in dem Bett. Es ist, als wäre er nur Kopf. Schmal ist er jetzt und gebrechlich, so dünn wie das Skelett eines Fischs im Cartoon, das die Katze übrig gelassen hat. Daniel ist wunderschön.“

Immer mehr ist der alte Mann in seinen Innenwelten unterwegs – faszinierende Labyrinthe zum Tode hin –, während Elisabeth weiterhin Teil der britischen Gegenwart mit all ihren politischen Turbulenzen ist. Denn England hat einen historischen Sommer hinter sich, die Nation ist gespalten, Angst macht sich breit, der Rassismus grassiert. „Es ist, als wäre die Demokratie eine Flasche, und jemand könnte damit drohen, ihr den Hals abzuschlagen und ein bisschen Schaden damit anzurichten. Es ist jetzt eine Zeit, in der sich die Leute gegenseitig nur Sachen an den Kopf werfen, woraus aber nie ein Gespräch entsteht. Es ist das Ende des Gesprächs.“

Immerhin, es gibt Gegenwehr: Unter dem „GO HOME“, das eines Morgens am Haus einer Immigrantenfamilie steht, prangt bald darauf eine Antwort: „WIR SIND BEREITS ZUHAUSE. BESTEN DANK“.

Die Lakonie, auch der Witz, der alle Romane von Ali Smith auszeichnet: hier deutet er sich an. Wie auch in den absurd komischen und dabei höchst realistischen Konfrontationen mit öffentlichen Dienststellen, zum Beispiel, wenn Elisabeth versucht, einen neuen Pass zu bekommen. Allein die Fotos richtig zu gestalten, gerät in Zeiten biometrischer Gesichtserkennung zu einer Wissenschaft. „Nicht gut, sagt der Mann. Leider gar nicht gut. Ihr Gesicht hat die falsche Größe.

Welche Größe soll mein Gesicht denn haben?, sagt Elisabeth. Die korrekte Gesichtsgröße auf dem einzureichenden Foto liegt zwischen 29 und 34 Millimetern. Ihres ist fünf Millimeter zu klein. Warum muss mein Gesicht denn eine bestimmte Größe haben?, sagt Elisabeth. Weil es Vorschrift ist, sagt der Mann.“

Während alles im Land ins Chaos zu stürzen droht, wird hier eine an Schikane grenzende Exaktheit gefordert. Deutlich ist Ali Smiths Unbehagen an den politischen Verwerfungen und der Spaltung des Landes zu spüren. Und doch gerät ihr Buch an keiner Stelle zu einem Thesenroman – viel zu poetisch, zu wortspielerisch und andeutungsreich ist es. Und zu zärtlich: besonders dort, wo es von der tiefen Zuneigung der ungleichen Außenseiter Daniel und Elisabeth erzählt. Von ihrer fortwährenden Nähe auch nach Jahren, in denen der Kontakt abgebrochen, Elisabeth mit anderem beschäftigt war. „Gedacht habe ich an Sie aber die ganze Zeit. Auch wenn ich nicht an Sie gedacht habe, habe ich an Sie gedacht.“

Die besondere Volte dieses Romans aber ist dies: Er selbst wird gleichsam zu einer Repetitio seines zentralen Motivs. Denn so wie der Künstler Daniel der elfjährigen Elisabeth einen neuen Denkraum eröffnet, tut dieser kluge und nahbare Roman mit uns dasselbe. Man muss sich nur darauf einlassen, dann betritt man beim Lesen einen Raum, in dem die Zeit nicht linear verläuft, sich entzieht und doch in Alltagsmomenten greifbar wird. Einen Raum, in dem sich Normen auflösen, in dem das gesellschaftliche Gegeneinander obsolet wird, in dem ein Greis und ein Kind sich viel zu sagen haben, in dem Werden und Vergehen, Leben und Sterben ineinander greifen, wie die Jahreszeiten, die einander nicht beenden, sondern fortsetzen. Letztlich ist es der Raum der Kunst, der sich uns – wie der elfjährigen Elisabeth – eröffnet. Und das ist vielleicht das Beste, was Literatur leisten kann.