Der eigenen Angst aufgesessen?

Die EKD-Denkschrift

Mit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine kam die evangelische Friedenswelt ins Wanken. Die Einen stellten den Pazifismus in Frage, andere den Glauben an politisch sicher geglaubte Systeme internationaler Rechte und Ordnungen. Und alle erleben, wie die Koordinaten geopolitischer und -strategischer Achsen auseinanderdriften und sich neu justieren. Dieses Gefühl bringt der Titel der neuen Friedens-Denkschrift der EKD „Welt in Unordnung – gerechter Frieden im Blick“ gut zum Ausdruck.

Auf die Irritationen hat die evangelische Kirche mit einer „Friedenswerkstatt“ unter der Federführung des Friedensbeauftragten des Rates der EKD, Bischof Friedrich Kramer, geantwortet. Anstehende Fragen und notwendige neue Antworten wurden gesichtet, sortiert und ins öffentliche Gespräch gebracht. Vier Konsultationen in verschiedenen Akademien sammelten theologische und friedenswissenschaftliche Fachexpertise, kirchenleitende Haltungen und zivilgesellschaftliche Einbringungen. Die Palette war groß und es ist eine reife Leistung des begleitenden Teams, alle immer wieder am Tisch versammelt zu haben. Prof. Dr. Rainer Anselm (LMU München) und Dr. Friederike Krippner (Evangelische Akademie Berlin) leiteten den Redaktionskreis und dieser brachte die Ergebnisse letztlich zu Papier.

Von einer „Denkschrift“ als Ergebnis war anfangs keine Rede. Dass es nun eine wurde, kann ich mir nur dadurch erklären, dass man mit diesem Format noch einmal ein Stück „öffentliche Theologie“ platzieren wollte. Ob das Format und die ihm eigene Sprache den Bedürfnissen von Menschen entspricht, deren Welt in Unordnung scheint und die sich nach Frieden sehnen, wage ich zu bezweifeln. In der internationalen Ökumene gibt es vergleichbare andere Formate. Die finnischen Bischöfe schickten einen „Friedensruf“ an alle Gemeinden. Die norwegische Kirche hat sich mit dem knappen, klaren Statement „Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde in unruhigen Zeiten“ an alle Kirchenmitglieder gewandt. Beide Texte geben eine Orientierung, die sich am biblischen Friedenszeugnis ausrichtet.

Das will die neue Denkschrift der EKD auch. Sie hält das biblische Zeugnis von Jesu Verzicht auf Gewalt für „prinzipiell gültig“. Leider klingt das wie: gähnend langweilig und nix Neues unter der Sonne. Würde man die Denkschrift durch eine Wortsortier-Maschine laufen lassen, dann käme zutage, worauf sie hauptsächlich setzt: Sicherheit im Sinne militärischer Sicherheit.

Die Denkschrift vollzieht diesen Schritt mit einer Neuakzentuierung der vier Dimensionen des gerechten Friedens. Der Grundgedanke des gerechten Friedens zeichnet sich dadurch aus, dass die verschiedenen Parameter des Friedens – Schutz vor Gewalt, Förderung der Freiheit, Abbau von Not (neu formuliert als Abbau von Ungleichheiten) und Anerkennung kultureller Verschiedenheit (neu formuliert als friedensfördernder Umgang mit Pluralität) – unauflöslich ineinandergefügt sind.

„Angesichts der Grausamkeit von Tod, Vergewaltigung, Verletzung und Traumatisierung durch bewaffnete Konflikte muss der Schutz vor Gewalt im Zentrum der Bemühungen von Politik, Zivilgesellschaft und Kirche stehen.“ Diese ersten Worte der Denkschrift zeugen von den Umständen ihrer Entstehung. Und von der Gefangenheit im eigenen eurozentristischen Blick. Geprägt von den Erfahrungen eines Kriegs in Europa, des Verhaltens Russlands gegenüber der Ukraine setzt die Denkschrift auf militärische Sicherheit – und schüttet das Kind an mancher Stelle mit dem Bade aus.

So kommt es zu vielfältigen Reaktionen auf die Denkschrift: Die F.A.Z. bejubelt den Abschied vom Pazifismus in der Denkschrift. Ines-Jaqueline Werkner von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg schüttelt den Kopf über eine „vertane Chance“ wegen mangelnder ethischer Konsistenz und Klarheit. Dr. Johanna Speyer vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) in Frankfurt findet deutliche Worte gegen die in der Denkschrift als „ethisch verwerflich und politisch notwendig“ beschriebenen Atomwaffen. Die Analyse zu den Atomwaffen greife zu kurz und „Besser wäre eine Empfehlung gewesen, dass Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag der UN beitritt.“ Außenminister Johann Wadephul wiederum als Gastredner bei der öffentlichen Vorstellung der Denkschrift in der Evangelischen Akademie in Berlin wundert sich über die Abbildung einer nahezu „lupenreinen NATO-Doktrin“ in der Denkschrift.

Ich hätte mir gewünscht, die Denkschrift traute mehr ihren eigenen Worten:

Vom Primat des Gewaltverzichts (Ziff. 3). Dann hätte sie diesen beschrieben und die Idee eines Atomwaffenverbotsvertrages wäre als Beispiel erwähnt worden.

Von einem Frieden, der gegenseitige Achtung und gerechte Verhältnisse ermöglicht (Ziff. 4). Dann wäre die Perspektive des globalen Südens, die Frage der strukturellen Gewalt durch Hunger und Armut und der Zusammenhang von Militär und Klimasünden deutlicher ausgeführt gewesen.

Von der Verheißung, dass Gottes Reich hier beginnt und vollendet wird in Ewigkeit (Ziff. 5). Dann würden in der Denkschrift zivilgesellschaftliche Akteure und Erfahrungen von Fachorganisationen für Friedensforschung, zivile Konfliktbearbeitung und Friedensbildung gehört und zum Leuchten gebracht werden.

Denn es stimmt, was die Denkschrift sagt: „Aus Jesu Vorbild gewinnen Christinnen und Christen die Kraft und die Motivation zum Handeln für eine Welt, in der die Zeichen des kommenden Reiches Gottes sichtbar werden.“