Gründonnerstag wird aufgewertet

Der Osterfestkreis ist die wichtigste Zeit im Kirchenjahr. Er beginnt am Aschermittwoch mit einer 40-tägigen Fastenzeit und reicht bis Pfingsten. Im Zentrum steht die sogenannte Karwoche. Sie beginnt mit dem Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag, erinnert an die Feier des letzten Abendmahls mit seinen Jüngern an Gründonnerstag, beklagt seinen Tod am Kreuz am Karfreitag und bejubelt seine Auferstehung von den Toten am Ostermorgen.

Der Propst des Sprengels Marburg der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Volker Mantey, verweist auf einige Veränderungen bei der Gestaltung dieser Feiertage. So sei etwa in den vergangenen Jahren der Gründonnerstag stärker in den Blick geraten. Vielerorts werde meist am Abend zu Feierabendmahlen eingeladen, die immer öfter auch mit einer Fußwaschung verbunden seien. Die Fußwaschung wird im Neuen Testament, Joh. 13, als Handlung Jesu an seinen Jüngern beschrieben. Sie ist eine Geste der Demut und der Nächstenliebe.

Die Karfreitagsgottesdienste konzentrieren sich nach den Worten des Vorsitzenden der Liturgischen Kammer der EKKW auf Meditationen sowie Lesungen aus den Evangelien, die die Passion und den Tod Jesu thematisieren. Die Kirche sei nicht geschmückt, der Altar abgeräumt, erläutert Mantey. Traditionell finden die Gottesdienste um 15 Uhr, zu Jesu Todesstunde, statt.

Der Karfreitag ist ein sogenannter „stiller Feiertag”, an dem in ganz Deutschland ein Tanzverbot gilt, wenn auch in allen Bundesländern unterschiedlich. Für Christinnen und Christen ist auch der folgende Karsamstag, der Tag der Grabesruhe Christi, ein Tag des stillen Gedenkens und des Innehaltens.

Der Karfreitag ist der einzige Feiertag aus dem sogenannten Oster-Triduum, der in der „Statistik für die Äußerungen des kirchlichen Lebens” der evangelischen Kirche erfasst ist. Demnach wurden 2023 an diesem Tag in der EKKW 764 Gottesdienste mit 20.011 Teilnehmenden gezählt. Das waren etwa 100 Gottesdienste mehr, aber knapp 5.000 Teilnehmende weniger als am 1. Advent 2023.

Das Oster-Triduum umfasst die Feier vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag, das Gedenken an Leiden und Tod Jesu am Karfreitag sowie die Feier der Auferstehung in der Osternacht. Sie sind liturgisch betrachtet ein zusammenhängender Gottesdienst.

Die meisten Menschen würden nach wie vor von der besonderen Atmosphäre in den Osternachtsfeiern angezogen, die in der Regel mit einem Frühstück in der Kirche oder im Gemeindehaus enden, hebt der Propst hervor. Das Taufgedächtnis sei Standard, allerdings gebe es weniger Taufanfragen als früher.

Gleichzeitig beobachte er ein zunehmendes „liturgisches Gespür” für besondere Elemente wie etwa ein Segensgebet zur Taufkerze, sagt der gebürtige Flensburger und ermuntert zum Ausprobieren neuer Formen. Er selbst werde in der Osternacht in der Marburger Elisabethkirche den Text „Absage an das Böse” aus der Agende der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche „Passion und Ostern” aus dem Jahr 2011 lesen. Er habe mit vielen anderen Menschen den Eindruck, dass sich das Böse in der Welt ausbreite. Deswegen sei es angebracht, „dies auch im Gottesdienst deutlich zu benennen”.

Am Morgen des Ostersonntags fänden in vielen Gemeinden der kurhessischen Kirche Familiengottesdienste statt, in denen allerdings seltener als früher das Abendmahl gefeiert werde, ergänzt Mantey. Diese Zurückhaltung sei auf die große Ansteckungsgefahr während der Corona-Pandemie zurückzuführen.

Der Propst verweist auf die anstehende Überarbeitung der Agende III zu Konfirmation und Abendmahl in der EKKW und plädiert dafür, Abendmahlsfeiern als „heilige Momente in anderes Geschehen” wie etwa ein gemeinsames Essen einzubinden. „Wir müssen den Gemeinden Mut dazu machen”, betont er.

Am Ostermontag finden laut Mantey in der EKKW nur vereinzelt Spaziergänge oder Stationenwege statt, die oft an die Emmausgeschichte im Lukasevangelium angelehnt sind. Der Text erzählt von der Begegnung zweier Jünger mit dem auferstandenen Jesus, die auf ihrem Weg von Jerusalem nach Emmaus zunächst nicht erkennen, wer er ist.

In der Geschichte gehe es um „Zweifel, Furcht und den festen Glauben an das leere Grab”, sagt der Propst. Das Reden, Predigen und Singen darüber könnten dem Tag ein eigenes liturgisches Gepräge geben, die Gemeinden schafften dies aber oft nicht mehr nach der kraftzehrenden Gestaltung der vorangehenden Feiertage.

Den Zweiten Osterfeiertag deswegen aber abzuschaffen, wie es etwa der Geschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt, fordert, lehnt Mantey rundheraus ab. „Das hieße, dass man die Politik von ihrer Aufgabe freistellen würde, wirkliche Wirtschaftsreformen anzugehen.”

Gut vorstellen könnte sich der Propst ein Stadionsingen an Ostern, wie es in der Weihnachtszeit auch in Marburg mit kirchlicher Begleitung stattfindet. Zu Ostern seien ihm solche Aktionen aber bislang nicht bekannt, sagt Mantey. Das liege sicherlich auch daran, „dass das dazugehörige Liedgut hier nicht so einprägsam ist wie die Weihnachtslieder”.