Sehnsucht nach Erlebbarem

Weihnachten, Ostern und Pfingsten – alle drei christlichen Hauptfeste haben einen Zweiten Feiertag. Und alle drei wecken in der wirtschaftlichen Dauerkrise Begehrlichkeiten. So brachte etwa der Geschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt, gegenüber dem Südwestrundfunk die Streichung aller drei Tage ins Gespräch. Am ehesten sei dabei der Pfingstmontag verzichtbar. Das sieht Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, genauso. Dessen Abschaffung würde 8,6 Milliarden Euro an zusätzlicher Wirtschaftsleistung erbringen, sagte er jüngst bei Markus Lanz.

Peter Meyer, Leiter des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), will sich nicht in die Diskussion um die Streichung eines Zweiten Feiertages einmischen. Er kenne sich nicht im Detail aus und habe auch kein Mandat, darüber zu reden, sagt er. Allerdings könne die Kirche aus ihrer Minderheitenposition heraus dafür werben, „dass es bestimmte Jahres- und Festzeiten gibt, die für alle Formen der Öffnung zur Transzendenz, zu Gott hin, freigehalten sein sollten”.

In der Weihnachtszeit sei diese „lebensweltliche Plausibilität” klar und an Ostern „sehr hoch”, betont der 47-jährige Oberkirchenrat. Hier kämen Gesellschaftsempfinden, Zeitempfinden und der Festkalender der christlichen Kirchen zusammen. Deswegen sei es auch plausibel, dass diese Feste „markiert” seien durch freie Tage.

Aber Meyer schränkt auch ein: „Insgesamt erleben wir an Ostern, dass routinierte Feierkultur in Gemeinden und Urlaubskultur auseinandergehen.” In der Karwoche und an Ostern seien viele Menschen in den Ferien, das sei ein wesentlicher Unterschied zu Weihnachten.

Nach den Worten des Liturgie-Experten steht in der EKHN das sogenannte Oster-Triduum aus Gründonnerstag, Karfreitag und der Osternacht im Zentrum der Feierlichkeiten. Bei diesen drei Festtagen zeige sich eine „stärkere Sehnsucht nach Erlebbarem, einer Feierform, bei der es mit Leib und Seele zur Sache geht”. Als Beispiele nennt Meyer das Tischabendmahl an Gründonnerstag, den Kreuzweg an Karfreitag und die Osternachtsfeier.

Der Gründonnerstag habe durch die Entdeckung der Verbindung von Seder-Mahl, Passah-Fest und der christlichen Abendmahlstradition ab den 1970er Jahren einen großen Aufschwung genommen. Es gebe in der hessen-nassauischen Kirche Gemeinden, die die Passah-Seder-Auszugs-Tradition ins Zentrum rückten und andere, die das Tischabendmahl oder die Fußwaschung fokussierten.

Am Karfreitag arbeiteten viele Gemeinden mit dem Raum, also der Vorstellung, „dass im Laufe des Gottesdienstes der Altar von allen Gegenständen befreit wird und dann leer dasteht”.

Manche Gemeinden inszenierten das, indem sie die Liturgie umdrehten, berichtet Meyer: Vom Segen, über Abendmahl und Lesung zum Löschen der Kerzen hin zu einem stillen Abschluss. Die umgekehrte Reihenfolge sei ein Zeichen dafür, „dass das Geschehen in den Tod Jesu hineinführt”.

Eine interessante Übernahme von im Christentum lange verbreiteten Praktiken sei auch der Kreuzweg am Karfreitag mit liturgischen Stationen des Leidens und der Solidarität im öffentlichen Raum, fügt Meyer hinzu.

Nach dem Karsamstag, dem Tag der Grabesruhe Christi, konzentrierten sich die meisten Gemeinden auf die Feier der Osternacht, die entweder um 23 Uhr oder am frühen Ostermorgen auf dem Friedhof, mit einem Lagerfeuer vor der Kirche oder in der Kirche beginne und in der Regel mit einem Osterfrühstück ende, sagt Meyer.

In der EKHN seien alle Elemente der altkirchlichen Osternacht zu sehen, etwa das Entzünden der Osterkerze, das Austeilen des Lichts, das große Lob, die Taufe und die Tauferinnerung. Viele Gemeinden akzentuierten ein oder mehrere dieser Elemente, aber nur wenige feierten die Osternacht in der „liturgischen Komplettausstattung wie die katholischen Geschwister”.

Großer Beliebtheit erfreut sich nach Beobachtung von Meyer nach wie vor der Gottesdienst am Ostersonntag um 10 oder 11 Uhr, meist mit Abendmahl und Beteiligung von Posaunen- und Kirchenchor. Obwohl dieser Tag in der kirchlichen Statistik kein Zählsonntag sei und er es nicht mit Zahlen belegen könne, schätze er, dass die Besucherzahlen in diesen Morgengottesdiensten höher seien als in der Osternacht.

Der einzige Feiertag aus dem Oster-Triduum, der in der evangelischen “Statistik über die Äußerungen des kirchlichen Lebens” aufgeführt ist, ist der Karfreitag. Demnach wurden 2024 an diesem Tag in der EKHN 1.115 Gottesdienste mit 45.000 Teilnehmenden gezählt, in etwa so viele wie am Ersten Advent.

Der Ostermontag hat sich nach Meyers Beobachtung als Tag etabliert, an dem viele Gemeinden Familiengottesdienste und Gottesdienste in anderer Form feierten, etwa als Osterspaziergang mit gottesdienstlichen Impulsen an Stationen oder als Familiengottesdienst mit Ostereiersuche. Hinzu komme, dass er zunehmend auch regional, in den Nachbarschaftsräumen, gefeiert werde. „Der Tag hat seinen eigenen Akzent bekommen”, bilanziert der ehemalige Referent am Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur in Wittenberg.

Die Etablierung eines Stadionsingens an Ostern analog zu Weihnachten kann sich Meyer allerdings nicht vorstellen. Er finde zwar die säkular und kirchlich geprägten Formen des Stadionsingens an Weihnachten gut, aber an Ostern könne man damit keine Arenen füllen.

Das habe weniger mit dem Liedgut als mit der Dramaturgie des Festes zu tun. „Wir kommen aus der Passionszeit. Da herrscht sowohl im kirchlichen als auch im außerkirchlichen Bereich eine andere Tönung.” Der gefühlsmäßige Umschwung von Karfreitag und Karsamstag führe dazu, „dass auch Christenmenschen nicht drei Wochen vorher mit Osterliedern auf den Lippen unterwegs sind”.