Zuversicht bewahren

Die Schöpfung ist von einer Klimakatastrophe bedroht, die unabwendbar voranschreitet und schon jetzt unsere Lebensgrundlagen zerstört. Kriege vernichten menschliches Leben und verwüsten ganze Länder. Unschuldige werden verfolgt und unterdrückt… Wir leben in einer Welt, die bestimmt und beherrscht wird durch politische, wirtschaftliche und militärische Machthaber und Herrscher, die sich selbst zu „Herren“ der Welt erheben und die ihre Interessen rücksichtslos und schonungslos durchsetzen. Sie treten die Humanität und Menschenrechte mit Füßen, sie stiften Angst und Unfrieden.

Die gegenwärtigen weltweiten Krisen sind verunsichernd, überfordernd und verstörend, weil sie alles, was bisher Sicherheit, Verlässlichkeit und Frieden garantiert hat, außer Kraft setzen und ein unüberschaubares „Chaos“ stiften. Alles scheint, außer Kontrolle zu geraten und dem „freien Spiel“ der Machtkämpfe ausgeliefert zu sein.

Viele Menschen reagieren darauf resignativ, defätistisch und dissoziativ. Sie versuchen alles, was unerträglich ist, aus ihrer Wahrnehmung zu verbannen. Aber sie können ihren bedrohlichen Ängsten und der verstörenden Macht der Wirklichkeit, deren Teil sie sind, nicht entkommen.

Andere empören sich, verweigern sich der Übermacht des Faktischen und versuchen, der gefühlten Ohnmacht zu widerstehen. Mit beschwörenden Appellen fordern sie sich selbst und andere dazu auf, trotz allem hoffnungsvoll zu bleiben, das Positive zu sehen und sich nicht entmutigen zu lassen.

Aber wie eine Situation, die derart bedrückend ist, aushalten und ertragen, ohne zu zerbrechen?

Ingeborg Bachmann hat am 17. März 1959 in ihrer Dankesrede für die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden die Frage gestellt, was sich überhaupt noch sagen lässt, „wenn man wenig Tröstliches sagen kann, vor Menschen, die des Trostes bedürftig sind“, ohne „den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen“ (Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, Werke Bd. 4, 1982, S. 275). Es bleibt nur, die Wirklichkeit mit offenen Augen anzuschauen, „sehend zu werden“ für die Wahrheit und ihren Schmerz. „Die Wahrheit ist nämlich zumutbar…“ (S. 277).

Doch woher kommt diese Fähigkeit, die „Wahrheit“ unserer bedrohten Welt so anzunehmen, wie sie ist? Was kann helfen, die Wirklichkeit mit offenen Augen anzuschauen und eine andere Sicht auf sie zu gewinnen, die trotz aller Bedrohungen Zuversicht verleihen kann?

Wie können Christen Zuversicht finden und anderen weitergeben, die sich nicht in wohlgemeinten, aber wenig tragfähigen Appellen verliert, sondern eine Zuversicht, die stützt und stärkt, auch in Nöten und Krisen hält und trägt?

Im Althochdeutschen meint „Zuofirsicht“ ein ehrfurchtsvolles Aufschauen und Hoffen, das eine bestimmte „Sicht“ oder „Perspektive“ auf die Wirklichkeit impliziert, eine Fähigkeit, über das Gegenwärtige hinauszusehen und -zuschauen auf etwas zu erwartendes Gutes, das in der Zukunft eintreten oder geschehen wird.

In biblischem Verständnis ist „Zuversicht“ nicht das Versprechen, dass alles heil wird, sondern die begründete Hoffnung, in, mit und trotz allen Widerfahrnissen, die das Leben bedrohen können, dennoch in Gottes Wirkmacht und Gegenwart geborgen zu sein, und dass nichts gegen Gottes Willen geschehen kann.

Die „Zuversicht auf Gott“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Psalmen, die uralte Glaubenserfahrungen erinnern und mit dem aktuellen Leben verweben, so dass sie uns zuteilwerden und wir Anteil an ihrer Wirkkraft erfahren können. In den Bekenntnissen, Lobpreisungen und Bitten der Psalmen verdichten sich Erlebnisse und Erfahrungen mit Gott zu einer Haltung und Gewissheit des Glaubens, die entgegen aller widersprüchlichen Realität alles von Gott zu erwarten und zu erhoffen vermögen. Denn sie haben ihren Grund und ihre Legitimation außerhalb ihrer selbst und ihres Lebens, sie gründen in der tiefen Erfahrung, dass Gott als Schöpfer und Bewahrer die Seinen nicht verlässt, sondern alle ihre Wege liebend und fürsorgend begleitet.

In der (hebräischen) Sprache lassen sich für das, was wir mit „Zuversicht“ ausdrücken, im wesentlichen zwei Begriffe finden, die unterschiedliche Aspekte der Zuversicht beinhalten, aber auf denselben Grund zurückgehen: „sich bergen und Zuflucht nehmen bei Gott“ (= hsh) und „sich verlassen und vertrauen auf Gott“ (= bth).

„Bei Gott seine Zuflucht zu nehmen und sich in Gott zu bergen“, kann im realen oder übertragenen Sinn „das Aufsuchen eines geschützten Raumes“ (Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament 1, 622) meinen, der Sicherheit und Rettung gewährt. In Bitten und Vertrauensaussagen können die Psalmbeter den „Schutzraum Gottes“ in Anspruch nehmen und sich in Gottes Nähe bergen, weil sie in seiner Obhut bewahrt und geborgen sind: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge.“ (Psalm 46,2-3a) „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe… Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.“ (Ps 91,1-2.9-10)

„Sich verlassen und vertrauen auf Gott“ kann „eine Gemütsverfassung des Sicherseins“ (THAT 1, 302) ausdrücken wie auch einen Akt „des Vertrauens, das in der Sicherheitszone des Lebens wächst“ (THAT 1, 303). Wer sich in Gottes Gegenwart weiß, der muss nichts mehr fürchten (Ps 27,3 u.a.). Denn sein Schutz sind in Gott begründet. Von seiner Zuverlässigkeit und Treue, die er selbst in seiner Geschichte mit seinem Volk erwiesen hat, hängt alles ab. Nur darin gründet das Vertrauen, in Gottes Wirkmacht und Gegenwart geborgen zu sein.

Diese Zuversicht kann durch Krisen und Nöte hindurch Hoffnung verleihen. Anstelle wohlwollender Appelle an die Zuversicht anderer, deren Ängste und Sorgen dadurch nicht kleiner werden, können wir aus der Gewissheit, mit ihnen in der Gegenwart und Wirkmacht unseres Gottes geborgen und aufgehoben zu sein, Anteil nehmen an den äußeren und inneren Nöten, die Menschen verunsichern und verstören können.

Im Anteil nehmen und Anteil geben teilen wir ihre Not und unsere Zuversicht und stellen uns mit ihnen in Gottes Wirkmacht und Gegenwart. In dieser Haltung werden wir zu Zeugen der Zuversicht.

Wenn wir den Menschen, die bedroht und bedrückt werden, in ihrer Not und ihrem Leid beistehen und helfen, können sie spüren und erfahren, dass sie nicht allein und verlassen sind, nicht der Macht des Unrechts ausgeliefert und überlassen bleiben, sondern dass sie gesehen und gehört werden, dass andere für ihre Würde und Menschlichkeit eintreten und sie Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die sich in ihrer Humanität als solidarisch und verlässlich erweist.

Durch unsere Anteilnahme und unseren Beistand stellen wir uns an die Seite der Opfer und zusammen mit ihnen und ihrer Not in Gottes Wirklichkeit hinein und verleihen ihnen Anteil an unserer Zuversicht. Das kann sie befähigen und ermächtigen, über ihre aktuelle Aussichtslosigkeit hinauszuschauen und sie auf Hoffnung hin zu überschreiten − auch ohne das kontrafaktische Wirken Gottes schon zu sehen.

Damit können wir die Bedrohung der Schöpfung, die Kriege und das Unrecht in der Welt und um uns herum nicht beenden und beseitigen, aber wir können ihnen entgegentreten und bezeugen, dass alles anders möglich ist und wird.