Russische Spezialitaeten

„Diejenigen, für die „Russische Spezialitäten“ die erste literarische Begegnung mit dem Autor, Journalisten und Publizisten Dmitrij Kapitelman ist (wie für mich), treffen der Witz, aber auch die Unmittelbarkeit und Unbarmherzigkeit des Lebens von Dima, dem Erzähler, mit voller Wucht. Dessen Lebensgeschichte ist in vielen Teilen von der des 1968 in Kijiw geborenen Autors inspiriert, der mit acht Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland kam.

Die Familie zog nach Sachsen, genauer nach Leipzig, dorthin, wo auch der Erzähler sein neues Leben im frisch wiedervereinigten Deutschland beginnt, in dem die Wunden, die erst die Trennung und dann die Wiedervereinigung hinterlassen haben, überall zu spüren sind.

Von nun an lebt Dima in einer Form des „Dazwischen“ und Fremdseins. Er fällt in der Schule mit seiner Vorliebe für Mineralwasser aus der Heimat auf, das den anderen nicht schmeckt. Gleichzeitig bemüht er sich nach Kräften, den sprachlichen Ansprüchen der Kundschaft im Laden seiner Eltern für „Russische Spezialitäten“ dem Magasin zu genügen. Denen fällt spielend leicht, woran es dem Autor oft mangelt: Ihre Sprache (oder, wortwörtlich aus dem Russischen übersetzt, ihre Zunge) kommt mit den russischen Wörtern spielend zurecht. Eine Sprache, die doch eigentlich auch die „Mutter-Sprache“ des Erzählers ist und in der ihm dennoch so oft die Worte fehlen. Er bewundert die russische Literatur in der Buchabteilung und meint, die Fische in der Kühltheke, die er manchmal „sprechen“ hört, kichern über ihn, weil er nicht einmal ihre russischen Namen auseinanderhalten kann.

Wer den Laden von Dimas Eltern betritt, taucht in eine vergangene und fremde Welt ein: mit der Klingel im Eingang, deren Bewegungsmelder so laut eingestellt ist, „dass man ihn noch in Kijiw hören könnte“ und [er, der Verkäuferin] die extra wegen ihrer Unfreundlichkeit eingestellt wurde, „damit die Kunden das heimatliche Gefühl beim Einkaufen nicht vermissen müssen“.

Die russische Sprache eint die Menschen im Magasin. In Kase, Quark, Smetana, Wodka, Limonade und zig Sorten Weißkraut finden die Naum, die „Unsrigen“, das nostalgische Gefühl von Verbundenheit, das sich im „Russisch“ der Spezialitäten versteckt. Obwohl längst nicht alle von ihnen auch wirklich aus Russland kommen. Der Magasin mit seinen Kund:innen und Mitarbeiter:innen ist einer der Angelpunkte des Romans und es wächst beim Lesen schnell ans Herz. Auch wer noch nie in einem russischen Supermarkt gewesen ist, hat diesen dank der lebhaften und humorvollen Beschreibungen deutlich vor Augen und Ohren und in der Nase. Immer wieder spielt die Geschichte auch in der Wohnung, genauer in der Küche der Eltern, wo unablässig Putins Staatsfernsehen läuft.“