Religiöse Bildung in der Schule

Religionsunterricht ist in mehrfacher Hinsicht von unschätzbarem Wert. Um seine Bedeutung zu erfassen, sind mindestens drei Perspektiven zu unterscheiden:

Die Gesellschaft
Die Schülerinnen und Schüler
Die Kirchen

Der Religionsunterricht ist für die Gesellschaft DER Ort religiöser Bildung, die unverzichtbar zum Bildungsauftrag der Schule gehört. Hier treffen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen, Zugehörigkeiten, Fragen und Perspektiven aufeinander. Sie können einander nicht ausweichen, sondern müssen sich miteinander auseinandersetzen. Perspektivenwechsel, Begegnung mit dem Fremden, Respekt und Ambiguitätstoleranz können und müssen(!) hier gelernt und eingeübt werden. Denn es gibt Fragen und Herausforderungen, die zum Menschsein hinzugehören und an denen niemand vorbeikommt. Das alles gilt auch für ihre religiöse Dimension.

Wer bin ich? Wozu bin ich da? Was ist gut, was schlecht oder böse? Was tue ich, wenn es ganz anders kommt als gewünscht? Wie gehe ich mit Begrenzungen um? Jede Gesellschaft braucht eine gemeinsame Basis, die Zusammenhalt gewährleistet. Je diverser sie ist, desto weniger kann sie es sich erlauben, die Grundfragen der Orientierung auszuklammern. Der religiöse „Analphabetismus“ ist eine Bedrohung, wenn Menschen friedlich und solidarisch miteinander leben wollen. Im Religionsunterricht findet interreligiöse und interkulturelle Verständigung statt.

Vor diesem Hintergrund und in Anlehnung an das Böckenförde-Zitat, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, wird deutlich: Religion kann einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Sie bietet Werteorientierung, fördert Zusammenhalt und motiviert zu Verantwortung und Gemeinwohl. Damit kann Religion – neben anderen Quellen – als „Kitt“ wirken, der eine pluralistische Gesellschaft stärkt.

Für Schülerinnen und Schüler ist der Religionsunterricht das Fach, in dem Raum und Zeit ist, sich mit den Fragen und Herausforderungen des Lebens auseinanderzusetzen. Hier begegnen sie sich selbst, hier begegnen sie anderen, hier begegnen sie Einsichten und Haltungen, die andere vor ihnen vertreten und eingeübt haben. Insofern ist dieses Schulfach unverzichtbar für die (religiös-ethische) Persönlichkeits- und Identitätsbildung der einzelnen. Sie erhalten Orientierung und werden urteilsfähig.

In dieser Hinsicht trägt der Religionsunterricht einerseits zur Dialogfähigkeit und damit auch zur Demokratiefähigkeit von Schülerinnen und Schülern bei. Andererseits bietet er eine wichtige Ressource, um mit den großen Fragen des Lebens, mit Krisen und der Kontingenz des Lebens umzugehen. Gerade im Hinblick auf Persönlichkeits- und Identitätsbildung junger Menschen ist dies von erheblicher Bedeutung.

Für die Kirchen ist der Religionsunterricht damit – neben den evangelischen Kitas – DIE zentrale Kontaktstelle zur nachwachsenden Generation. Vergleichbare Orte innerhalb der Kirche gibt es nicht (mehr). Auch die Konfirmandenarbeit und kirchliche Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien erreichen nur einen Bruchteil des jeweiligen Schülerjahrgangs. Der Religionsunterricht ist ein Ort, an dem Kommunikation des Evangeliums stattfindet. Es wäre allerdings ein Missverständnis, ihn als missionarische Veranstaltung anzusehen. Vielmehr bietet der Religionsunterricht eine intensive und durchaus kontroverse Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und Einsichten an, ohne Schülerinnen und Schüler zu „überwältigen“ (siehe Koblenzer Konsent:).

Im Religionsunterricht begegnen Kinder und Jugendliche Lehrkräften und Pfarrer:innen als Gegenüber, denen ihr christlicher Glaube etwas bedeutet, die sich transparent und nachvollziehbar positionieren, die man befragen kann, an denen man sich (zustimmend, ablehnend und nachdenkend) reiben kann, um so zu einer eigenen Position zu kommen. Insofern ist diese Konfessionalität/Positionalität derer, die Religionsunterricht erteilen, kein Manko, sondern ein Schatz.

Der Staat räumt den Kirchen durch die Einrichtung von konfessionell erteiltem Religionsunterricht als ordentlichem Lehrfach in seinen Schulen die Möglichkeit ein, an der religiös-ethischen Grundbildung der Menschen mitzuwirken. Gemeinsam mit dem Fach Ethik tragen die unterschiedlichen Religionsunterrichte dazu bei, dass eine (hoffentlich) stabile Grundorientierung inklusive eines soliden Wertegerüsts ausgebildet wird, auf das unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung angewiesen ist. Um diese Mitwirkungsmöglichkeit beneiden uns viele Kirchen in unserer europäischen Nachbarschaft! Es ist ein Dienst der Kirchen an unserer freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft, den die Kirchen aus Überzeugung gerne übernehmen sollten.

Für einen solchen Religionsunterricht müssen wir eintreten, wenn auf politischer Ebene neue Konzepte für religiöse Bildung in Schulen diskutiert werden. In unseren eigenen Reihen gilt es – auch bei knapper werdenden Ressourcen – die immer größer werdende Bedeutung des Religionsunterricht zu erkennen, zu verstehen und zu kommunizieren. Die Präsenz und das Tätigwerden von Pfarrpersonen (als Schulpfarrer:innen und Gemeindepfarrer:innen) in der Schule – insbesondere im Religionsunterricht – ist eine großartige Chance, die nicht vergeben werden darf (aus: Die Erteilung von RU im Gemeindepfarramt, EKKW-Text, Januar 2026).