Sei behütet

Die Geschichte hinter de

Es war das Erste Allgemeine Babenhäuser Pfarrer(!)-Kabarett, das die Baby-Boomer bereits frühzeitig auf das vorbereitet hat, was sich derzeit ereignet: „Auch Jünger werden älter“ lautete ein Programm voll unerbittlicher Weisheit.

Im November 2025 wurde diese Prognose der brüderlichen Kabarettisten nun auch für Pfarrer Clemens Bittlinger wahr, der nach seiner Ordination 1990 und einigen Stationen seit 2005 als Referent für Mission und Ökumene im Evangelischen Dekanat Darmstadt tätig war. Beim Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Roßdorf sprach Propst Stefan Arras, im Vikariat sein Kurskollege, mit Augenzwinkern den folgenschweren Satz, dass allein das Berühren der Urkunde die sofortige Entpflichtung und seine Versetzung in den Ruhestand nach sich ziehe. Clemens Antwort war ein schnelles Zucken mit der rechten Hand zum Papier. Seither gehört auch er zu den „Entpflichteten“.

Weil ein Gottesdienst zum Abschied aus dem Berufsleben immer mit dem Segen für den weiteren Weg des Ruheständlers verbunden ist, kreisen meine Gedanken heute um ein Segenslied von Clemens Bittlinger, das sich landauf, landab großer Beliebtheit erfreut. Ein Kollege meinte, kein anderes Lied zu kennen, bei dem sich die gesamte Gemeinde sofort erhebt, wenn die ersten Töne erklingen.

Die Quellenangabe sagt, dass der Text „Sei behütet auf deinen Wegen“ 1994 entstanden ist und im gleichen Jahr auch die Melodie. Da Dr. Fabian Vogt, Clemens ehemaliger Vikar und kreativer Kopf im „Duo Camillo“, als Co-Autor der Vertonung genannt wird, habe ich mit ihm über die Entstehung des Liedes gesprochen. Danach entstand es, weil sich Clemens vorgenommen hatte, ein Segenslied zu schreiben.

Der Refrain versichert die Zusage Gottes, uns Menschen mit Segen zu begleiten: Durch Tag und Nacht, durch Sonne, Stürme und Regen. Die drei Strophen beschreiben, wie ein wohltuendes Lied den grauen Alltag schön machen kann, wie ein solches Lied Wärme gegen die Kälte der Nacht ausstrahlen und bei Abschieden zum Trost werden kann, auch gegen mögliche Einsamkeit. Die Strophen erzählen also von Erfahrungen, von Momenten, die jede und jeder von uns kennt. Und sie münden in einen Refrain, der das Alltägliche überwindet und transzendiert.

Als ich nachfrage, wie das kollegiale Zusammenwirken beim Komponieren stattfand, überrascht mich die Antwort. Fabian Vogt sagt, er habe seinerzeit seinen Lehrpfarrer besucht, der ihn einlud, als Ersthörer sein nagelneues Segenslied kennenzulernen. Der Refrain kam ihm dabei allerdings sehr bekannt vor. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um eine Melodie aus dem Programm von „Duo Camillo“ handelte. Aber die Melodie passte zum Text. Sie passte so gut, dass die Beiden verabredeten, das neu entstandene Lied als „kollegiale Inspiration auf unerwartete Weise“ zu verstehen. Denn – unverhofft kommt oft.

Seine „Entpflichtung“ als Pfarrer wird das Leben von Clemens Bittlinger wenig verändern. Seit Jahrzehnten ist er ohnehin eher ein Mann der Kür. Mehr als hundert Konzerte haben ihn allein 2025 an viele Orte in Deutschland, Österreich und der Schweiz geführt. Ihm zur Seite steht seit 44 Jahren der Schweizer Pianist, Komponist und Produzent David Plüss. Als Schlagzeuger und Techniker gesellte sich später David Kandert zum Trio, das bisweilen um andere Musikerinnen und Musiker erweitert wird.

Viele tausend Menschen haben Clemens Bittlinger und seine Band etwa in der „Nacht der Lieder“ bei Kirchentagen erlebt. Solche Projekte wird er genauso fortsetzen wie so manches Engagement im Dekanat Darmstadt.

Dafür, dass ihm die Kraft, die Gestaltungsfreude, seine große Begabung als Netzwerker sowie gute Ideen und Inspirationen nicht ausgehen, braucht auch er den Zuspruch des Segens Gottes. Schließlich sagt ein afrikanisches Sprichwort zu Recht: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen“.

Darum möge auch für ihn selbst gelten, was er schon so vielen Menschen zugesungen hat: „Sei behütet auf deinen Wegen. Sei behütet, auch mitten in der Nacht. Durch Sonnentage, Stürme und durch Regen hält der Schöpfer über dir die Wacht“.