
Jürgen Micksch gehört mit zu den einflussreichsten Unbekannten in Deutschland. Mit Charme, Beharrlichkeit und diplomatischem Geschick engagiert sich der evangelische Theologe und Soziologe seit mehr als fünf Jahrzehnten für an den Rand gedrängte Menschen wie Obdachlose und Flüchtlinge sowie für das gesellschaftliche Miteinander und den Dialog der Religionen. Der kluge, leise Mann mit dem freundlichen Lächeln und dem großen Herzen vollendete am 20. Januar sein 85. Lebensjahr.
Frieden und Gerechtigkeit als Lebensthemen
Micksch ist ein Kriegskind. Bombenterror, Todesangst, Flucht und Hunger haben ihn geprägt und ihm seine Lebensthemen gleichsam mit auf den Weg gegeben. „Das sind ohne Zweifel Frieden, Gerechtigkeit, Überwindung der Armut und das Zusammenleben in Deutschland”, wie er im Gespräch hervorhebt. Dabei hält er sich nicht lange bei der Klage oder Analyse auf, sondern geht die Probleme an, die ihm vor die Füße fallen. Mit Gottvertrauen und einem unerschütterlichen Optimismus.
Jürgen wird am 20. Januar 1941 im schlesischen Breslau in eine vermögende Familie geboren. „Mein Vater Rudolf war Konditormeister. Er fertigte Pralinen und Gebäck und führte ein Unternehmen mit 14 Filialen.” Gerade vier Jahre alt, muss er mit seiner Familie vor der heranrückenden Roten Armee fliehen. Sie schlägt sich durch bis nach Österreich und weiter nach Dorfbach im niederbayerischen Landkreis Passau, wo sie von den Einheimischen nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird.
Mit Heinz Rühmann und Ingrid Bergman vor der Kamera
Doch die 1950er Jahre nehmen für das Flüchtlingskind eine wundersame Wendung. Jürgen darf nach der Grundschule das Luitpold-Gymnasium in München besuchen. Bei einem Vorsprechen für eine Aufführung des Stückes „Peter Pan” am Residenztheater wird der Neunjährige unter 14 Bewerbern ausgewählt. „Sieben haben eine Rolle bekommen, darunter Fritz Wepper, und ich durfte den Peter Pan spielen”, erinnert sich Jürgen Micksch und strahlt dabei über das ganze Gesicht.
Seine Karriere als Kinder- und Jugenddarsteller nimmt Fahrt auf, „wahrscheinlich, weil ich keinen Dialekt gesprochen habe”, mutmaßt er. Jürgen spielt in zahlreichen Theaterstücken in den Münchner Kammerspielen, im Residenztheater, in Hörspielen des Bayerischen Rundfunks und in Filmen mit. Er gibt den „Jungen” in Fritz Kortners Inszenierung von „Warten auf Godot” und den HJ-Führer Heini in dem Film „08/15 in der Heimat”. Er spielt mit dem „normannischen Kleiderschrank” Curd Jürgens, mit Heinz Rühmann und Ingrid Bergman.
Studium von Theologie, Philosophie und Soziologie
Mit 19 hat Micksch genug von der Glitzerwelt, „auch weil ich die Armut vieler Schauspieler hautnah miterlebt habe”, wie er sagt. Mit dem Geld, das er sich auf der Bühne und vor der Kamera verdient hat, studiert er in München, Heidelberg, Tübingen, Berlin und Erlangen Philosophie und Evangelische Theologie. Ihn reizen diese Fächer, „weil ich mich kritisch mit der Botschaft des Evangeliums auseinandersetzen wollte und sehr stark an religiösen Fragen interessiert war”.
1965 absolviert Jürgen Micksch das Erste Theologische Examen und arbeitet anschließend als Vikar in Regensburg. Ab 1966 studiert er Soziologie in Erlangen, Nürnberg und Münster. 1968 folgt das Zweite Theologische Examen, 1971 promoviert er im Fach Soziologie über das Thema „Jugend und Freizeit in der DDR“.
Die These der multikulturellen Gesellschaft
Bereits 1975 ruft Micksch den „Tag des ausländischen Mitbürgers” ins Leben, von 1974 bis 1984 baut er – als damals jüngster Oberkirchenrat – die Ausländerarbeit in der Evangelischen Kirche in Deutschland auf und formuliert 1980 die These von der Bundesrepublik als „multikulturelle Gesellschaft”. Das trägt ihm Kritik und Häme ein, nicht zuletzt von seiner Kirche.
Trotzdem tritt er noch zweimal in ihren Dienst: von 1984 bis 1993 als stellvertretender Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing und anschließend bis 2001 als Interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. „Ich habe die kirchlichen Ämter gerne ausgefüllt und nur gute Erfahrungen gemacht”, schwärmt er.
Gründung von Pro Asyl und Obdachlosenzeitung
In seine Tutzinger Zeit fallen die Gründung des Münchner Straßenzeitungsprojekts „BISS” und der Bundesarbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge, Pro Asyl, zusammen mit dem Limburger katholischen Theologen Herbert Leuninger und dem evangelischen Theologen und Mathematiker Günter Burkhardt. „Die Stimmung gegen Flüchtlinge und Asylsuchende war Mitte der 1980er Jahre vergiftet”, erinnert sich Micksch. Es habe kaum jemanden gegeben, der sich für sie einsetzte. „Das war empörend.”
Fremdenfeindliche Stimmung in den 90ern
Obwohl Pro Asyl rasch zahlreiche Unterstützer anlockt, kocht mit der wachsenden Zahl von Hilfesuchenden die fremdenfeindliche Stimmung in Deutschland immer mehr hoch und gipfelt schließlich Anfang der 1990er Jahre in eine Serie von Verbrechen gegen Flüchtlinge und Migranten.
Um etwas dagegenzusetzen, gründet Micksch 1994 in Frankfurt am Main den Interkulturellen Rat. Aus ihm entwickeln sich das Abrahamische Forum und das Deutsche Islamforum, aber auch die Internationalen Wochen gegen Rassismus und ab 2014 die Stiftung für die Internationalen Wochen. Beim Abrahamischen Forum, das den Dialog zwischen Juden, Christen, Muslimen und Baha’i fördert, führt er nach wie vor die Geschäfte. Bei der Stiftung ist er als Geschäftsführender Vorstand zugleich Seele und Motor.
Lob und Anerkennung für den Menschenfreund
Das Lob für den zupackenden Menschenfreund ist einhellig. „Als es das Wort ‘Influencer’ noch nicht lang gab, war Jürgen Micksch schon einer. Er hat seinen Einfluss allerdings nicht, wie die Influencer heute, für Kommerz, Werbung und Vermarktung genutzt, sondern dafür, Politik und Gesellschaft zu verändern”, sagt etwa der Journalist und Autor Heribert Prantl. Der frühere hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung bescheinigt ihm ein „ausgeprägtes Sensorium für gesellschaftliche und politische Entwicklungen” und würdigt ihn dafür, dass er „die evangelische Kirche immer wieder und sehr beharrlich in gesellschaftliche Diskussionen und Bündnisse hineingezogen hat”.
Sorge wegen Angriffen auf Demokratie und Vielfalt
Obwohl der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus 2025 mehr als 3.300 Veranstaltungen und damit so viele wie nie gemeldet wurden, bleibt Micksch hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Wirkung skeptisch. Vor allem die „Angriffe der AfD, aber auch von etablierten Parteien auf Grundrechte und Demokratie” machten ihm große Sorgen, sagt er.
Der erfahrene Stratege versteht nicht, warum Union und SPD gefasste Entscheidungen in der Öffentlichkeit immer wieder zerreden. Sie hätten offenbar nicht begriffen, „dass Kompromisse und die Vielfalt etwas Gutes” seien. Der Eindruck in der Bevölkerung, dass es Union und SPD nicht können, sei Wasser auf die Mühlen rechter Propagandisten mit Auswirkungen auf kommende Wahlen, fürchtet er.
Jürgen Micksch ist Verfasser und Herausgeber von zahlreichen Aufsätzen und mehr als 25 Büchern. Im Jahr 2000 erhielt er den Innovationspreis der EU für das Projekt „Rassismus auf dem Lande“. 2015 wurde er für seinen jahrzehntelangen Einsatz für Flüchtlinge mit dem Erich-Kästner-Preis des Presseclubs Dresden geehrt. 2022 war er Botschafter für Demokratie und Toleranz der Bundeszentrale für politische Bildung. 2012 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2023 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse geehrt.

