Kritik an Rassismus – eine geistliche Aufgabe

Die evangelische Kirche versteht sich gern als weltoffen, partnerschaftlich und menschenfreundlich. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich deutlich: Kirche ist kein rassismusfreier Raum und bei weitem kein „Save-Space“ für Menschen mit bestimmten Hautfarben. Kirche ist vielmehr Teil einer Gesellschaft, deren Strukturen von historischen Machtverhältnissen, Ausschlüssen und Ungleichheiten geprägt sind, die bis heute in die Kinderköpfe eingepflanzt werden.

Wer Kirche zukunftsfähig gestalten will, kommt an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht vorbei, was durchaus schmerzhaft sein kann. Um die förderlichen Strukturen für Rassismus zu verlernen, braucht es ehrliche Gespräche zwischen unterschiedlichen Menschen. Solche Begegnungen können viel bewirken. Und doch ist allen klar: Es ist ein langer Weg.

Die EKD-Tagung „Rassismuskritische Kirche in der superdiversen Gesellschaft“ in der Evangelischen Akademie in Hofgeismar im Februar dieses Jahres setzte genau dort an. In den Diskussionen wurde deutlich: Rassismuskritik ist kein Thema für Spezialist:innen, sondern eine grundlegende Frage kirchlicher Glaubwürdigkeit: Wie gehen wir um mit echter Schuld und gefühlter Unschuld, mit den scheinbaren Selbstverständlichkeiten der deutschsprachigen Theologie? Wie reagieren wir angemessen auf gesellschaftliche und kirchliche Veränderungen vor dem Hintergrund einer weißen Dominanz?

Gast der Tagung war auch Sarah Vecera, eine wichtige Stimme im innerkirchlichen Diskurs. Hauptberuflich ist sie Referentin bei der Vereinten Evangelischen Mission VEM, engagiert sich ehrenamtlich im Verein Phoenix für gegenseitiges Verständnis. Sie verbindet rassismuskritische Analyse mit theologischen Fragen und der kritischen Überprüfung gegenwärtiger kirchlicher Praxis.

Bei zahlreichen Diversitäts-Schulungen, Lesungen und Seminaren spricht sie darüber, warum Rassismuskritik eine geistliche Dimension hat, was Kirche konkret verändern muss – und warum Zuhören oft der erste und wichtigste Schritt ist. Sie ist ein „Brückenmensch“ und erlebt immer wieder die plattesten, rassistischen Übergriffe, wie der Griff in die Haare oder nach der Haut. Sie wuchs auf als Kind einer christlichen Mutter aus Deutschland und eines muslimischen Vaters mit pakistanischen Wurzeln. Ihre ambivalenten Kindheitserfahrungen hat sie erst spät als Freiwillige der VEM in der internationalen Ökumene reflektiert, mit der sie bis heute eng verbunden.

Welche Erfahrungen machen dir Mut, dass Kirche das Thema Rassismus wirklich bearbeitet?

Es gibt viele hoffnungsvolle, Mut machende Momente. An erster Stelle sind es die zahlreichen Follower:innen auf Instagram (@moyo.me), die Hörer:innen unseres Podcasts (Stachel und Herz) und die Leser:innen meiner Bücher. Das sind ja alles Menschen, die den Ist-Zustand so nicht mehr akzeptieren und etwas verändern wollen.

Daran sehe ich vor allem, dass da was in Bewegung ist von der Basis. Menschen wollen keine homogene Kirche mehr und es gibt auch konkrete Bewegungen zu mehr Vielfalt: Kirchen, die verbindliche Schutz- und Beschwerdewege einführen; Leitungen, die Zuständigkeiten und Budgets benennen; Synoden, die sich auf den Weg machen; Gemeinden, die Bilder, Lieder und Sprache überprüfen und Ausbildungen, die Rassismuskritik einfordern und etablieren.

Was sind die drängenden Fragen für eine Kirche, sie sensibel mit dem Thema Rassismus umgeht?

Für mich sind die Fragen nach Macht und Verantwortung wichtig: Wer entscheidet, wer wird gehört, wer wird geschützt? Es braucht grundlegende Strukturen in der Kirche statt Aktionstage. Doch wo sind die Budgets, die Zuständigkeiten und das Monitoring?

Es braucht Beschwerdewege für Kinder und Erwachsene: niedrigschwellig, vertraulich, wirksam. Ebenso müssen wir die Repräsentation in Bildern, Kanzeln, Gremien überdenken. Wer ist sichtbar, wer bleibt Dekoration?

Auch die Verzahnung mit der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt gilt es zu bedenken. Beides sind Machtfragen – Schutz muss systematisch werden, nicht kampagnenförmig.

Welche gewohnten Traditionen müssen biblisch-christlich kritisch geprüft werden?

Vieles, was wir „Tradition“ nennen, ist in Wahrheit Gewohnheit der Mehrheit. Ein Beispiel: der weiße, bürgerliche Jesus. So ist er in vielen Köpfen und Bildern – sanft, unangefochten, sehr „Mitte“. Der Jesus der Evangelien steht aber am Rand: bei Frauen, Kranken, Arbeiter:innen, Migrant:innen, Menschen ohne Status. Wenn wir ihn dort ernst nehmen, können wir uns keine Kirchenpraxis leisten, die die Mitte schützt und Kritik vom Rand her versucht zu beruhigen.

Biblisch war Kirche nie homogen. Pfingsten ist Mehrsprachigkeit pur. In den ersten Gemeinden sitzen Reiche und Arme, jüdische und nicht-jüdische Menschen, Freie und Versklavte zusammen; Hausgemeinden entstehen unter Leitung von Menschen wie Lydia – nicht als Deko, sondern als Leitungspraxis. Vielfalt war so sehr da und ist uns irgendwo verloren gegangen.

Darum schaue ich kritisch auf Traditionen, die uns in ein weißes, ökonomisch starkes, akademisiertes Selbstbild einschließen: auf ein unmarkiertes „Wir“ in Sprache und Liturgie; auf Bilder, die Stereotype reproduzieren; auf Missionsgeschichten, die Machtgefälle romantisieren. Ich will das nicht zerstören, sondern reflektieren, was wir da eigentlich so selbstverständlich glauben, lehren und predigen.

Du hast gesagt „Alle Menschen sind von Rassismus“ betroffen. Darin stimmen andere Rassismusforscher:innen wie z. B. Dr. Nathalie Ehleyt nicht zu. An welche Form von Rassismus denkst du dabei?

Wir sind alle rassistisch sozialisiert. Ich auch. Rassismus ist ein historisch gewachsenes, global existierendes, ideologisches Unterdrückungssystem. Genauso wie das Patriarchat. Wir sind auch alle sexistisch sozialisiert – auch Frauen. Demnach sind wir alle betroffen. Ob wir wollen oder nicht und unabhängig davon, ob Erwachsene aus unserer Kindheit uns das beibringen wollten oder nicht. Wir leben in einer Welt, die von Diskriminierung strukturiert wird. Davon kann ich auch meine Kinder nicht fernhalten. Das meine ich damit, dass alle betroffen sind.

Natürlich sind wir unterschiedlich betroffen: die einen werden strukturell benachteiligt und die anderen bevorteilt. Niemand hat sich die eigene Rolle jedoch ausgesucht. Wir haben darin verschiedene Aufgaben: Schutz und Empowerment für die Einen und Verlernen und Erkennen für die Anderen. Beides sind Wege, die wir gehen müssen und beide Wege sind tief in uns verankert und nicht leicht zu gehen.

Viele rassistische Begriffe, Geschichten und Riten, die früher unhinterfragt benutzt wurden (z. B. Mohrenkopf, Mohrenstraße, Pipi Langstrumpf in Taka Tuka Land, Black-Facing beim Krippenspiel), sind heute weitgehend als politisch-inkorrekt geklärt und werden von vielen Menschen nicht mehr benutzt. Andere gehen bewusst wieder auf die Begriffe zurück mit dem Hinweis „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“. Wie gehst du mit solchen Roll-Back-Bewegungen um?

Begriffe und Bilder sind nie neutral; sie haben Geschichte und Wirkung. Hinter diesem „Roll-Back“ steckt ja oft Angst vor einer Welt, die sich rasant verändert. Ehrlich gesagt, diskutiere ich wenig, sondern höre den Menschen erstmal zu und arbeite nicht mit Verboten. Ich erkläre die Dinge und erwachsene Menschen können dann selbst entscheiden, wo sie Verantwortung übernehmen wollen und wo nicht. Meine Erfahrung ist, je weniger ich bewerte, sondern einfach erkläre, desto offener sind Menschen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Das ist nicht immer einfach heutzutage, aber möglich. Zur Antirassismus-Arbeit gehört vor allem Fingerspitzengefühl, echte Zugewandtheit und Empathie zu den Menschen, die in meine Veranstaltungen kommen. Das musste ich über Jahre lernen.

Du stehst mit deiner Person und deiner Geschichte für das Thema der rassismussensiblen Kirche ein. Menschen verbinden dich mit dem Thema – im positiven, wie im negativen Sinn. Ist stelle mir das zuweilen auch anstrengend vor mit den Shitstorms umzugehen, die auf dich einprasseln. Woher ziehst du deine Kraft, um weiterzumachen? Für was möchtest du stehen?

Meine Kraft ziehe ich aus meinem Glauben. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine machtsensiblere Kirche den biblischen Vorstellungen von Gemeinschaft entspricht. Um dafür in der Öffentlichkeit stehen zu können, habe ich mit der Vereinten Evangelischen Mission eine internationale Gemeinschaft als Arbeitgeberin hinter mir stehen, die mir voll und ganz den Rücken stärkt und mich aktiv schützt mit allem, was an juristischem, mentalem und physischem Schutz leider nötig ist. Zudem habe ich einfach ein richtig schönes, soziales privates Umfeld, was mich zu einem super glücklichen Menschen macht.

Ich will nicht als Empörungsfigur stehen, sondern als jemand, die die Liebe Gottes ernst nimmt und (vor-)lebt: Gnade statt Schamlogik, Schutz statt Symbolpolitik, Strukturen statt Slogans. Dafür will ich stehen!

Kannst du dir mit Kindern „Jim Knopf und die Lokomotive“ anschauen, ohne dich zu ärgern?

Nö, deswegen tue ich das auch nicht. Es gibt so viel andere Bücher und Filme heutzutage. Ich muss das nicht aus nostalgischen Gründen lesen und gucken. Das hat auch schon bei mir als Kind ein Störgefühl ausgelöst, weil ich selbst als Kind ja auch schon als „fremd“ wahrgenommen wurde und ich kann sagen: Jim Knopf trägt jetzt nicht dazu bei, sich eher dazugehörig zu fühlen. Gleichzeitig verurteile ich auch keinen, der das heute noch liest und sieht. Jede:r hat eine andere Geschichte damit und ich kann und will nicht beurteilen, warum Menschen das lesen und sehen. Ich weise in meiner Arbeit auf die Problematik hin und zum Glück leben wir in einem Land, in dem dann jede Person selbst für sich entscheiden darf.

Du bist Initiatorin der „Alle Kinder Bibel“, die es mittlerweile in verschiedenen Ausgaben gibt. In diesen Tagen erscheint auch das Begleitbuch. Welche Rückmeldungen erhältst du aus Schulen und Kitas?

Ich erhalte sehr viel Resonanz. Kinder benennen es sehr direkt: „Die sieht so aus wie ich.“ Pädagogische Teams berichten, dass Konflikte abnehmen, wenn Materialien repräsentationssensibel sind. Und Eltern spiegeln, dass sie sich zum ersten Mal gesehen fühlen. Kritik gibt es auch – die nehmen wir sehr ernst. Sie führt meist zu präziseren Bildern und klareren Begleitmaterialien. Über 95 % der Rückmeldungen sind aber positiv und die Verkaufszahlen sprechen für sich. Seit Februar gibt es auch ein Praxisbuch, damit Erwachsene noch besser und gezielter mit den Alle Kinder Bibeln arbeiten können.