Der Umgang mit der Wahrheit hat sich verändert. Falschinformationen, manipulierte Fakten, Künstliche Intelligenz – Menschen fühlen sich verunsichert. Wie kann Wahres von Unwahrem unterschieden werden? Welche Absicht steckt hinter der Überflutung mit Informationen? Welche Rolle spielen dabei die evangelische Kirche, der Glaube? Wie bleibe ich resilient?
Ist tatsächlich ein Raumschiff in das Haus gekracht? Schwimmt wirklich ein Killerhecht im See? Sind Bilder von hungernden und getöteten Kindern im Gazastreifen echt? Es wird immer schwieriger, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden.
Das achte Gebot lautet „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Die sogenannten „Fake News“ tun genau das. Es sind erfundene Meldungen, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben. Aber was sind eigentlich Fake News? Wozu und wem dienen sie? Und was können wir tun, um sie aufzudecken?
Definition Fake News
Was sind Fake News? Fake News setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: „Fake“ heißt „gefälscht“, „News“ heißt „Nachrichten“ – es sind also gefälschte Nachrichten. Mit reißerischen Schlagzeilen, gefälschten Bildern und Behauptungen werden Lügen und Propaganda verbreitet. Fake News erwecken den Eindruck, dass es sich um echte Nachrichten handelt.
Warum gibt es sie? Fake News sollen Menschen beeindrucken. Leser:innen sollen sie anklicken, liken und weiterleiten – dadurch wird Geld verdient. Kriminelle nutzen Fake News für Betrügereien. Manche schleusen Computer-Viren ein, mit deren Hilfe persönliche Daten ausgespäht werden. Das nennt man „Phishing“. Fake News werden auch zur politischen Hetze eingesetzt.
Falsche Behauptungen und erfundene Skandale sollen die Glaubwürdigkeit von Politikerinnen und Politikern erschüttern – besonders gefährlich ist das im Wahlkampf.
Der US-amerikanische Professor Ethan Zuckerman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) unterscheidet drei Arten von Fake News: Nachrichten, denen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit zugeschrieben wird; Propaganda; und gezielte Desinformation.
Bei der ersten Form handelt es sich nicht unbedingt um „falsche“ Nachrichten – die Betonung liegt auf dem Wort „News“. Es sind wahre, häufig brisante Themen, die jedoch mehr Aufmerksamkeit erhalten, als sie verdienen. Ein Beispiel: die Berichterstattung im US-Wahlkampf 2016 über Hillary Clintons E-Mails. Der Medienwirbel galt als mitentscheidend für das Wahlergebnis – problematisch war weniger eine Unwahrheit als eine falsche Gewichtung.
Bei Propaganda vermischt sich nach Zuckerman Wahres mit Falschem. Diese Form findet sich häufig in politischen Kampagnen, etwa in der Desinformationskampagne der Brexiteers im Vorfeld des Brexits: Mit Lügen und zurückgehaltenen Informationen nahmen die Befürworter des Brexits Einfluss auf die Bevölkerung.
Bei gezielter Desinformation geht es nicht um einzelne politische Positionen, sondern um das ganze System. Mit der gezielten Streuung falscher und irreführender Inhalte soll das Informationssystem destabilisiert werden – bis die Bürgerinnen und Bürger am Ende nicht mehr wissen, was sie glauben sollen.
Fake oder nicht fake?
Sind Bilder von hungernden Kindern im Gazastreifen echt? Das war eine heiße Diskussion im vergangenen Sommer. Kleine Kinder auf matschbedeckten Böden in oder vor Zelten – solche Bilder kursierten auf X, Instagram und TikTok, meist versehen mit dem Icon einer Palästinaflagge. Doch ein Teil dieser Bilder wurde mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) erzeugt. Die Deutsche Welle stellte bei einem Faktencheck fest: Drei untersuchte Bilder waren KI-generiert.
Das Leid der Menschen im Gazastreifen ist real und gut dokumentiert – durch Menschenrechtsorganisationen, internationale Medien und die Menschen selbst. Doch auch hier zirkulieren Fakes. Zur Bebilderung realer Geschehnisse sind KI-Bilder höchst zweifelhaft, zumal wenn sie nicht als solche gekennzeichnet werden. Genau das aber geschah – nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch auf Websites, die sich als seriöse Portale präsentierten. Was sie zeigten, waren keine objektiven Fakten, sondern Vorstellungen, verbildlicht durch Künstliche Intelligenz.
Das ZDF hat 2026 nach der Ausstrahlung von nicht gekennzeichnetem, KI-generiertem Bildmaterial in seiner Nachrichtensendung „heute journal“ personelle Konsequenzen gezogen. Die zuständige Korrespondentin wurde aus New York abberufen.
In ihrem Beitrag ging es um Abschieberazzien der US-Einwanderungsbehörde ICE. An einer Stelle tauchten KI-generierte Bilder auf. Sie zeigen Kinder, die sich an ihre Mutter klammern. Eine weitere gezeigte Szene war nach ZDF-Angaben zwar real, stammte aber aus einem anderen Kontext und zudem aus dem Jahr 2022.
Aufpassen also bei Bildern!
Fake News historisch
Schon in der Bibel lügen und betrügen Menschen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Jakob gibt sich vor seinem blinden Vater Isaak als Esau aus, damit er ihn als Erstgeborenen segnet. König David schickt Uria, den Mann seiner Geliebten Batseba, in den Tod. Er versucht, eine Lüge mit der nächsten zu decken, im Ergebnis sterben dadurch zwei Menschen, Uria und ein Kind.
Oder Josef und seine Brüder. Sie neideten dem Jüngsten die Gunst des Vaters, verkauften ihn und spielten dem Vater vor, dass ein wildes Tier seinen Liebling zerrissen habe. Aber gehen wir in die jüngere Geschichte.
Viele werden sich noch erinnern: Die Hitler-Tagebücher. Der Maler Konrad Kujau hatte sie angefertigt, der Reporter Gerd Heidemann für den Stern gekauft. Als Verlagsleitung und Chefredaktion am 25. April 1983 erklärten, Adolf Hitlers geheime Tagebücher zu besitzen, lösten sie den größten deutschen Presseskandal der Nachkriegszeit aus.
Am 28. April begann der Stern, Auszüge zu veröffentlichen – ohne eine Echtheitsuntersuchung des Bundeskriminalamtes (BKA) abzuwarten. Am 6. Mai lautet das Ergebnis des BKA: zweifelsfrei gefälscht. Der Stern, der bereits 62 Bände für 9,3 Millionen DM erworben hatte, büßte erheblich an Glaubwürdigkeit ein. Die Gier nach Profit hatte die Sinne vernebelt.
Ein jüngerer Fall: Claas Relotius. Bis 2018 galt er als einer der auffälligsten Autoren seiner Generation. Er schrieb für FAZ, taz, Die Welt, den Spiegel und viele mehr, erhielt zwischen 2012 und 2018 insgesamt 19 Journalismuspreise. Das Forbes-Magazin zählte ihn zu den herausragenden Autoren unter 30 Jahren in Europa.
Dann wurde bekannt: Er hatte große Teile seiner Reportagen frei erfunden – Figuren, Szenen, Zitate, ganze Geschichten. Ein Medienskandal. Wer geschickt ist und kriminelle Energie hat, kann das offenbar lange durchhalten.
Fake News als politische Strategie
„Flood the zone with shit“ – den Raum mit Mist überfluten. So lautet die Taktik von D. Trumps ehemaligem Berater Steve Bannon, erstmals beschrieben 2018. Der Gegner seien nicht die Demokraten, sondern die Medien. Diese könnten sich immer nur auf wenige Dinge konzentrieren.
2019 erklärte Bannon: „Was wir tun müssen, ist: Den Raum überfluten, jeden Tag. Drei Dinge auf einmal tun. Wenn sie sich an einer Sache festbeißen, erledigen wir schon die nächste.“
Der US-Publizist Jonathan Rauch nennt das eine „Strategie der Desorientierung“ – durch permanente Desinformationen, Lügen und Provokationen. Ziel: Verwirrung stiften und das Misstrauen gegenüber traditionellen Medien untergraben.
In Trumps zweiter Amtszeit sieht das so aus: So viele Dekrete, Richtlinien und Anordnungen wie noch kein Präsident vor ihm – Austritt aus der WHO und dem Pariser Klimaabkommen, Abschaffung des Geburtsrechts auf Staatsbürgerschaft, Begnadigung von 1.500 verurteilten Gewalttätern vom Sturm auf das Kapitol, Vorschläge zur Umsiedlung von Palästinensern und zur Annexion Grönlands und Kanadas, Krieg im Iran.
Die Publizistin Annika Brockschmidt spricht von einem „administrativen Staatsstreich“. Die Beschlüsse erfolgten so schnell, dass die Menschen mit der Verarbeitung nicht mehr hinterherkämen. Ziel sei es, die Bevölkerung zu erschöpfen: „Die Menschen ziehen sich dann aus Überforderung lieber ins Private zurück.“
ARD-Korrespondent Ralf Borchard ergänzt: Selbst wenn Gerichte viele Anordnungen stoppen – Trump verkauft auch das als Erfolg oder als Beweis für einen angeblich korrupten Rechtsstaat.
Betrug im Internet mit Fake News
Die Wirtschaftsjournalistin Bettina Weiguny schrieb im Oktober 2021 in der FAS: Kürzlich bekam ich einen solchen Anruf. „Mama, es ist etwas Schreckliches passiert …“ Das schniefende Etwas klang tatsächlich wie ihre Tochter, die gerade mit Freund und Auto in Österreich unterwegs war. „Ich habe eine Frau überfahren, sie ist noch am Unfallort gestorben.“
Es dauerte fünf Schrecksekunden, bis sie den Trick durchschaute – aber diese fünf Sekunden kosteten sie den Rest des Tages und die halbe Nacht. Eine Bekannte fiel auf dieselbe Geschichte herein und überwies 15.000 Euro für einen angeblichen Anwalt.
„Schön blöd“, mag sagen, wer die Situation nicht selbst erlebt hat. Die Polizei kennt Hunderte solcher Fälle. Seit Corona und Homeoffice verzeichnet der Enkel-, Neffen- oder Mamatrick explosionsartige Zuwächse.
Bei unserer Nachbarin – sie war in den 90ern – war es ein angeblicher Staatsanwalt, der „half“. Eine männliche Stimme am Telefon: Eine Diebesbande sei in Oberursel unterwegs. Sie solle ihr Geld und ihre Wertsachen in eine Tüte packen und vor die Tür stellen, der Staatsanwalt komme noch vorbei.
Die Frau war alt, aber klar im Kopf. Dennoch packte sie ihr gesamtes Erspartes – 80.000 Euro – in eine Tüte. Das Geld war weg.
Im anderen Fall war es ein amerikanischer Offizier auf Facebook. Er schmeichelte einer 60-jährigen Frührentnerin. Beide waren im ständigen Austausch. Dann erkrankte seine Mutter, er brauchte Geld. Die Beziehung war inzwischen so eng, dass die Frau nicht zögerte. Immer wieder überwies sie, bis ihr Konto leer war. Ein Treffen gab es nie. Die Frau musste einen Aushilfsjob annehmen, um über die Runden zu kommen.
Wie sollen wir all dem begegnen? Was können Medien tun? Wie erkennt man Fake News, bevor man ihnen auf den Leim geht? Und welche Rolle spielen dabei Haltung, Transparenz – und der Glaube?
Antworten dazu gibt es in der nächsten Ausgabe des Magazins.

