Kirchenräume spüren

Kirchengebäude stehen auf dem Prüfstand, sind von Kategorisierungen und Schließungen betroffen, weil von Prozentzahlen gesprochen wird, weil von Mitgliederrückgang die Rede ist, weil Beschlüsse über die Zukunft von Kirchengebäuden innerhalb der kirchlichen Administrationen beschlossen werden, ohne Beachtung der Bedürfnisse an der Basis, in den Kirchengemeinden.

Was fehlt in dieser Debatte um Entwidmungen und Neunutzungen? Was wird nicht berücksichtigt?

Es sind die Potenziale, die Kirchenräumen innewohnen. In Kirchenräumen werden vor allem Emotionen freigesetzt: beim Gebet, beim Spüren der Atmosphäre des Raumes, beim Stillwerden, beim Betrachten der Altäre, Skulpturen, Bildnisse, Ausmalungen, beim Gang durch den Kirchenraum, beim Spiel der Orgel, beim Singen.

Der Raum wirkt auf das Geschehen, die Aktion, die Interaktion, und diese wirken auf den Raum und verändern ihn. Der Ort geht in Resonanz mit denen, die aktiv den Raum bespielen. Schichten gesprochener Gebete, von Weinen, Glück, Jubel, Gesang liegen im Raum und wirken.

Bei allen Prozessen an Kirchengebäuden und ihren Kirchenräumen gilt es, den Blick auf die Potenziale zu öffnen und sie zu benennen. Alles hängt mit allem zusammen. Alles hat einen Wert. Jede Information ist von Bedeutung.

Kirchenräume bestehen aus einem Gefüge von materiellen und immateriellen Elementen, die in Beziehung zueinanderstehen und einen Zusammenhang bilden. Die darin enthaltenen Potenziale gilt es aufzuspüren und wahrzunehmen, wenn wir über die Schwelle einen Kirchenraum betreten und in ihm still werden, seine Atmosphäre spüren, in Resonanz mit ihm treten.

Welche Potenziale werden Kirchenräumen über die Nutzung als gottesdienstlicher Raum hinaus zugeschrieben?

Kirchen sind Räume der Besinnung, der Ermutigung und des Segens. Sie dienen der Verkündigung und der Feier der Sakramente. Mit dieser Bestimmung wurden Kirchengebäude im Verlauf der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums bewahrt und weitergegeben.

Das bedeutet, Kirchenräume zu würdigen. Hier ist Religion zuhause. Wichtige Lebensabschnitte finden in Kirchenräumen statt: Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Trauerfeiern, jahreszeitliche Feste wie Weihnachten und Ostern. Feste, an denen Menschen zusammenkommen und sich miteinander verbinden. Diesem Geschehen gilt es, einen Wert beizumessen.

Als einziges Gebäude eines Dorfes, einer Stadt, einer Gemeinde, eines Stadtteils ist es für nur einen Zweck erbaut worden: der Nutzung als Gottesdienstraum und Raum der Begegnung und Gemeinschaft.

In gleicher Weise sind diese Gebäude Stätten der Pflege von Kunst und Kultur und des sozialen Engagements. Sie bilden Rückzugsorte und Schutzräume in Zeiten des Krieges und waren und sind Orte des politischen Engagements.

Welchen Stellenwert kommt Kirchenräumen im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs des Nutzungswandels zu?

Als geistige Grundlage begründet Religion die Existenz von Kirchengebäuden. Sie bilden Ankerpunkte des Glaubens und erzeugen soziokulturelle Organe. Wenn diese Orte der Identifikation verschwinden, führt dies zur Zerstörung sozialer Gemeinschaft und Orientierung am Standort.

Der Religionswissenschaftler Detlef Pollack betont die essenzielle Rolle von Religion in der menschlichen Lebens- und Entwicklungsgeschichte. Er sieht in ihr ein Symbol für das Unfassbare und das Nicht-Beschreibbare und betont ihre emotionale Wirkung auf den Menschen. Kirchengebäude verkörpern Religion, indem sie Zeichen setzen und Religiosität ermöglichen.

Die von der Soziologin Anna Körs durchgeführten Befragungen zeigen, dass Kirchenräume häufig mit positiven Gefühlen wie Zugehörigkeit, Heimat und Liebe assoziiert werden. In ihren Ausführungen wird der Mensch als wichtiger Akteur für den Standort von Kirchengebäuden genannt, der gestaltend und verändernd einen dynamischen Einfluss nimmt.

Der Standort nimmt Einfluss auf den Menschen. Diese immateriellen Potenziale gilt es wahrzunehmen und der transzendenten und spirituellen Kraft von Kirchenräumen einen Wert beizumessen.

Was sind diese Potenziale und warum ist ihre Wirkungskraft so wichtig in einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft?

Kirchengebäude spiegeln durch ihre Architektur den Zustand des Außeralltäglichen, des Anderen wider. Der Theologe Horst Schwebel spricht von der „authentischen Raumgestalt“, einem qualitätvoll gestalteten Kirchenraum, der das liturgische Geschehen unterstützen soll.

Pfarrerin Elisabeth Jooß führt den Gedanken weiter, „dass Raum und Ritus eine Einheit bilden müssen, um die Botschaft räumlich und leiblich erfahrbar zu machen“.

Wie entstehen Kirchenräume und wie werden sie leiblich erfahrbar?

Der Raum konstituiert sich durch den Grundriss, Mauern, konstruktive Vorgaben, künstlerische Idee und die Ausschmückung der Innenwände. So wird ein Zusammenklang der Materialität von Kirchenraum und Architekturgestalt gebildet.

Die Auswahl der Materialien und die handwerkliche Ausführung beeinflussen Qualität, Klang, Licht und Raumwahrnehmung und begründen die räumliche Harmonie, sodass bauliche Veränderungen Einfluss auf die authentische Raumgestalt nehmen.

Neben den Fensteröffnungen ist das Licht, das mittels künstlerisch gestalteten Glases von außen in den Innenraum hineingeleitet wird, von entscheidender Bedeutung. Größe und Format der Fensteröffnungen sowie die Farbwahl beeinflussen die Lichtverhältnisse im Innenraum und damit seine Stimmung und Atmosphäre.

Dies ist ein gestalteter Vorgang, der der Inszenierung des Raumes dienen soll.

Kunst ist damit ein integraler Bestandteil der Architektur. „Musik und Symbolhandlung, Kirchenarchitektur und künstlerische Gestaltung von Gottesdiensträumen sind so gestaltet, dass sie mehr ausdrücken als jede sprachliche Formulierung. Sie weisen in ihrem Symbol- und Bildgehalt über sich hinaus, auf Gott hin, machen ihn sinnhaft erfahrbar, tragen so zu einer nonrationalen Erkenntnismöglichkeit Gottes hin“, postuliert Martin Benn.

Demnach sind Kirchenräume als Orte zu betrachten, die Glaube leiblich erfahrbar machen, eine emotionale Wirkung entfalten und seelisch-geistige Erfahrungen ermöglichen.

Beim Gang über die Schwelle in den Kirchenraum lassen wir das Alltagsgeschehen hinter uns, denn es umfängt uns der außeralltägliche sakrale Raum. Es ist nicht nur das „Numinose“, das wirksam wird.

Der Theologe Fulbert Steffensky beschreibt diesen sakralen Raum als „Heiligen Raum“, der durch Rituale, Gebete, Gottesdienste, Kasualien und anderes zum „Kraftort“ wird, wodurch eine besondere Atmosphäre entsteht, die sich demjenigen eröffnet, der den Raum betritt.

Der Kirchenraum entfaltet sein besonderes Potenzial durch das Erleben und die Wahrnehmung des Raums. Einerseits wirkt die Gestaltkraft des Raums auf den Besucher ein, andererseits wird der Raum durch Rituale, persönliche Erlebnisse, Gefühle und Handlungen aufgeladen. Das kann spirituelle Raumerfahrungen auslösen.

Der Theologe Thomas Erne bezieht sich auf Transzendenzerfahrungen im Kirchenraum, die er als Entgrenzungserfahrungen versteht.

Die Soziologin Anna Körs spricht sogar von der „eigenständige[n] Handlungskraft“, die Kirchenräumen innewohnt, im aktiven Zusammenspiel von Mensch und Raum: Mensch und Raum gehen in Resonanz.

Das Aufeinandertreffen von Mensch und Raum bewirkt wechselseitige Beeinflussung. Das individuelle Raumerleben entsteht durch Aktivität oder Handlung. Stimmungen werden durch die Atmosphäre des Raumes sinnlich erfahrbar, indem die individuelle Geschichte des Einzelnen den Raum auflädt.

So kann die Atmosphäre eines Kirchenraumes das menschliche Erleben erweitern und auch ohne religiöse Handlungen eine Wahrnehmung von Unendlichkeit entstehen. Kirchenräume erfüllen somit eine geistige und räumliche Bedeutung für den Menschen, formuliert Erne.

Zudem sind Kirchenräume Träger von Erinnerungsschichten, die durch die kontinuierliche Nutzung entstehen, mit der wir Räume mit unseren Erinnerungen füllen. Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann spricht in seinen zehn Studien vom „kollektiven Gedächtnis“, das Menschen als „Wir-Identität“ an Gemeinschaften bindet.

Das „kollektive Gedächtnis“ entsteht durch kontinuierliches Handeln, Erinnern und Lernen. So entstehen individuelle emotionale Verbindungen zu Kirchenräumen, die sich durch Rituale und Aktivitäten der Menschen am jeweiligen Standort entwickeln können.

In diesen Zusammenhang gehören Bindung, Orientierung und die Verbundenheit über Generationen hinweg. Die Kirchenräume der Nachkriegskirchen sind gefüllt mit diesen Erinnerungen an den Krieg, aber auch an den Frieden und den Wiederaufbau als große Energieleistung.

In gleicher Weise identifiziert die Theologin Sonja Keller den Kirchenraum als „Erinnerungsraum“ und schreibt ihm Einflüsse wie „Glaube“, „Kontinuität“, „Ästhetik“, „Symbol“, „Erinnerungswert“ zu.

Die Gefahr von Transformation besteht darin, dass Veränderungen von Traditionen zur Auflösung von Zugehörigkeit führen. So können Entscheidungen über Kirchenschließungen zur Abkehr von Kirche führen und Erinnerungsschichten und damit das „kollektive Gedächtnis“ verloren gehen.

Auf der anderen Seite kann Transformation die Aktualisierung von Inhalten bedeuten, ohne jedoch Stabilität aufgeben zu müssen und Religion als Fundament in Frage zu stellen.

Als Potenziale stehen Tradition und Transformation für die Beständigkeit und Dynamik des Gemeindelebens und die Qualität der religiösen Praxis, während das Bauwerk die Stabilität und Dauerhaftigkeit des Glaubens am Standort symbolisiert.

Folglich fungieren Kirchengebäude und ihre Kirchenräume als Bedeutungsträger, die Beständigkeit und Orientierung vermitteln sowie Raum für Transzendenzerfahrungen und das Gemeinschaftserleben bieten.

Damit erfüllen Kirchenräume eine bedeutende Funktion als Erinnerungsorte und tragen zur Aufrechterhaltung von Verbundenheit bei. Sie sind zudem Orte, an denen Emotionen, Beziehungen, Kommunikation und Interaktion eine zentrale Rolle spielen.

Veränderungen beeinträchtigen Kirchenräume nicht, solange ihre materiellen und immateriellen Bestandteile erhalten bleiben. Alle Veränderungen müssen daher umfassend betrachtet und bewertet werden.

Entscheidungsträger müssen Demut und Sensibilität für den ursprünglichen Raum und seine Erbauer zeigen. Diese Aspekte müssen die Grundlage für Entscheidungen im Nutzungswandel bilden.

Kirchenräume repräsentieren eine Vielzahl von Werten und Potenzialen, die über die Nutzung als Gottesdienstraum hinausgehen. Deshalb sollten sie innerhalb des Gemeindelebens einer Vielfalt an Aktivitäten und Nutzungen zugeordnet werden.

Dadurch besteht die Möglichkeit, Kirchenräume für andere Gottesdienstformate zu öffnen. Die Erfahrung von Transzendenz und Spiritualität kann ein geeignetes Format sein, um Menschen einen anderen Zugang zum Glauben zu eröffnen und zur Erhaltung des Standortes und seiner Nutzungsvielfalt beizutragen.