Flucht und Trauma

Beratung und Therapie für Geflüchtete


Im Herkunftsland, auf der Flucht und selbst in Unterkünften erleben viele Geflüchtete Situationen, die durch Krieg, Folter, Gewalt und Diskriminierung geprägt sind. Sie werden entweder selbst bedroht und misshandelt oder müssen mit ansehen, wie Angehörige gequält oder gar getötet werden.

Solche Erlebnisse sind für einige von ihnen so traumatisch, dass sie kein „normales“ Leben aufbauen können – auch nicht an einem vermeintlich sicheren Ort. Sie benötigen Menschen, die sie psychologisch unterstützen.

Kathrin Macha arbeitet nur mit Menschen im Asylverfahren

Eine von diesen Menschen mit Charisma und Expertise ist Kathrin Macha vom Evangelischen Beratungszentrum Haus am Weißen Stein in Frankfurt am Main. Die psychologische Psychotherapeutin arbeitet ausschließlich mit Personen, die sich in einem laufenden Asylverfahren befinden.

Sie kommen aus Ländern wie Afghanistan, Iran, Äthiopien und Eritrea, Türkei, Syrien, Irak und Somalia, berichtet die 35-Jährige.

Unter den Klienten in der Abteilung „Beratung und Therapie für Geflüchtete“ des Zentrums seien allein reisende Männer und Frauen, aber auch Familien. Konkret berichteten sie von diversen Fluchtgründen wie Kriegshandlungen, Zwangsehen und Verfolgung etwa aufgrund ihrer politischen Einstellung, Religion oder sexuellen Orientierung.

Menschen erlebten aber auch Gewalterfahrungen auf der Flucht selbst, „die oftmals unterschätzt werden“.

Durch das Erlebte einerseits und die Lebensumstände und unklare Perspektive in Deutschland andererseits seien sie psychisch hoch belastet, sagt Macha. Einige seien traumatisiert.

„Traumatisierung bedeutet, dass man direkt oder als Zeuge oder Zeugin betroffen ist von massiver Gewalt oder anderen Ereignissen katastrophalen Ausmaßes, das die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt und das grundlegende Vertrauen in sich und die Welt erschüttert.“

Traumatisierte berichten von Albträumen, Flashbacks und Depressionen

Eine häufige Traumafolgestörung sei die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), hebt Macha hervor. Diese äußere sich durch Albträume, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, „eine erhöhte Wachsamkeit, bei der Betroffene ihre Umgebung auf Gefahr scannen“ oder Flashbacks – das fortgesetzte Wiedererleben des traumatischen Ereignisses.

Die PTBS sei dabei nur eine mögliche Traumafolgestörung. Viele der Klientinnen und Klienten leiden auch unter Angststörungen und Depressionen. Typische Symptome einer Depression sind Energiemangel, Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Schlafstörungen.

Sie beobachte gegenwärtig bei ihren Klienten auch eine zunehmende Unsicherheit wegen der verschärften Migrationspolitik und nennt als Beispiele die Kürzungen bei Integrationskursen und der Asylberatung. „Viele haben permanent Angst, dass sie abgeschoben werden.“

Stabilisierende Gespräche schon in der Erstaufnahme

Bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung fänden stabilisierende Gespräche statt, meist handele sich um bis zu fünf Sitzungen, führt Macha aus.

Im Zentrum folgten pro Klienten oder Klientin bis zu 15 Einzelsitzungen à 50 Minuten, die in der Regel von Sprach- und Kulturmittlern begleitet werden.

Die Inhalte der Sitzungen seien sehr individuell, oft gehe es um den Umgang mit und die Bewältigung von Trauer, Angst oder Schlafproblemen. Außerdem werde geschaut, ob eine psychische Erkrankung vorliege und ein Psychiater oder eine Psychiaterin für eine zusätzliche Medikation hinzugezogen werden sollte.

Angeboten würden sowohl Einzel- als auch Gruppensitzungen.

Macha plädiert eindringlich dafür, weiter in Beratung und Therapie für Geflüchtete zu investieren und verweist auf die Erfolge ihrer Arbeit.

„Von dem ersten Kennenlernen bis nach einigen Sitzungen gibt es sehr massive Veränderungen etwa von der Art, wie Menschen sich öffnen, Vertrauen zeigen, wieder Hoffnung schöpfen, und Antrieb finden, belastbarer und zum Beispiel erfolgreich in der Arbeitsplatzsuche sind.“

Die Beratung und Therapie für Geflüchtete im „Evangelischen Beratungszentrum Haus am Weißen Stein“ ist kostenlos. Das Frankfurter Zentrum gehört mit weiteren 51 ähnlichen Einrichtungen zur Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer.

Allein diese Zentren haben 2023 nach eigenen Angaben insgesamt 29.180 Geflüchtete versorgt – so viele wie noch nie. Dennoch entspreche dies lediglich 3,3 Prozent derjenigen, die potenziell auf psychosoziale Hilfe angewiesen wären.

Sabine Schrader: Nur wenige Geflüchtete in Beratung und Therapie

Sabine Schrader ist Sozialpädagogin und Fachberaterin für Psychotraumatologie in Kassel. Sie ist dort unter anderem Fachbereichsleiterin für „Inner Safety“. Der Bereich umfasst Schulungen zum Thema Psychotraumatologie sowie mit einem geringen Stundenanteil die stabilisierende Beratung für Geflüchtete.

Aufgrund ihrer langen Erfahrung kann die 69-Jährige bestätigen, dass nur ein Bruchteil der Menschen, die in ihrem von Krieg oder Terror erschütterten Herkunftsland oder auf der Flucht schlimmste Dinge erlebt haben, ein Beratungs- oder Therapiezentrum aufsuchen.

Ein Mensch, der nach Deutschland kommt, habe andere Probleme als sofort ein mögliches Trauma aufzuarbeiten, gibt Schrader zu bedenken. Zunächst seien andere Themen wichtiger: Aufenthaltsstatus, Einkommen, Wohnung, Schule für die Kinder.

Vielen sei der Begriff „Trauma“ auch nicht bekannt, ebenso wenig wie die Struktur des deutschen Hilfe- und Beratungssystems.

Klienten melden sich erst nach drei bis sechs Jahren beim Kasseler Zentrum

Ihre Klienten stammten aus afrikanischen Ländern sowie aus Afghanistan, Syrien, dem Iran und der Ukraine, berichtet Schrader.

Sie meldeten sich oft erst nach drei bis sechs Jahren beim „Kasseler Traumazentrum“, nämlich dann, wenn sie genügend Stabilität in ihrem Alltag erreicht hätten und dann eventuell merkten, „dass es Symptome gibt, die sich nun erst verstärkt zeigen dürfen“.

Da sie dann oft gut Deutsch sprächen, würden die Beratungsgespräche in der Regel nicht von Sprach- oder Kulturmittlerinnen begleitet. Viele Beratungen erfolgten auch in englischer Sprache.

Eine Traumafolgestörung sei eine „extreme Form des Stress-Erlebens“, in der ein Mensch nicht mehr in der Lage sei, diese Situation zu bewältigen, erläutert Schrader. Sie habe subjektiv immer mit dem Gefühl von Lebensgefahr zu tun, was aber objektiv nicht so sein müsse.

„Wenn wir uns subjektiv in einer solchen Lebensgefahr befinden, schaltet unser Gehirn in ein Überlebens- oder Notfallprogramm.“

Es sei aber nicht immer eine Traumafolge, wenn ein geflüchteter Mensch psychisch auffällig sei, stellt Schrader klar. Es könne sich auch um eine psychische Erkrankung handeln, die bereits im Herkunftsland aufgetreten sei.

Traumasymptome sind bei jedem Menschen anders

Wie eine Situation erlebt werde, hänge auch von der persönlichen Resilienz ab, der psychischen Widerstandskraft, sagt Schrader. Die Traumasymptome seien bei jedem Menschen anders.

Viele klagten über Stress, Albträume, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Manche neigten zu Dissoziationen. Eigene Trigger führten dazu, dass Menschen sich kurz „aus dem Hier und Jetzt verabschieden und in andere innere Welten zurückziehen. Traumatisierungen haben einen Einfluss auf die Körperregulation – das Nervensystem ist ebenfalls betroffen“.

Eine Einzelsitzung im Kasseler Traumazentrum dauert maximal 60 Minuten, könne aber sehr viel kürzer sein, sagt Schrader. Dort schilderten die Klienten ihre Symptome – das, was ihnen gerade im Alltag am meisten Schwierigkeiten bereite.

Danach erkläre sie ihnen, warum es ihnen schlecht gehe, „und dass dies eine ganz normale Reaktion auf eine Traumatisierung ist und sie nicht verrückt sind“.

Individuell angepasste „Notfallköfferchen“

So individuell wie die Symptomatiken seien auch die Interventionen auf den Bedarf der Person abgestimmt. Manchmal würden individuell angepasste „Notfallköfferchen“ gemeinsam erarbeitet und gepackt.

„Da können auch mal hilfreiche Dinge wie Chili-Schoten, Styropor- oder Aluminium-Kügelchen, Igelbälle oder starke Gerüche wie Ammoniak oder Kampfer drin sein.“

Bei Bedarf berate sie auch in Wohngruppen, in denen unbegleitete jugendliche Flüchtlinge untergebracht sind, wenn es im Rahmen des Projektzeit möglich sei.

Nach Darstellung von Schrader schaffen es bei einer einmaligen akuten Traumatisierung zwischen 85 und 96 Prozent der Menschen je nach Studie, ohne jegliche Beratung oder Therapie wieder ins „Normalprogramm“ umzuschalten.

„Wenn ein Gehirn aber wiederholt traumatisiert wird, der Zustand nicht akut, sondern dauerhaft chronisch wird, dann ist es schwieriger, wieder in ein Normalprogramm zurückzuschalten.“ Dann ist eine Traumatherapie hilfreich.

Das „Zentrum für Psychotraumatologie e. V.“ in Kassel unterstützt seit 1998 Menschen nach traumatischen Erlebnissen. Die Arbeit mit Geflüchteten in der Abteilung „Inner Safety“ gibt es seit 2016 und wird finanziert vom Bundesfamilienministerium und koordiniert vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Sowohl die Beratungen als auch die zweimal vierstündigen Schulungen zum Thema „Einführung in die Psychotraumatologie“ für Haupt- und Ehrenamtliche in der Arbeit mit Geflüchteten sind kostenlos.