Immer wieder begegnen sich Pfarrerinnen und Pfarrer bei Konferenzen oder Tagungen, wie etwa dem Studientag am 7. September in Frankfurt. Ob im aktiven Dienst oder im Ruhestand – meist mangelt es nicht an Gesprächsthemen. Denn Menschen, die predigen, trösten, unterrichten, begleiten und leiten, haben immer viel zu erzählen.
Solche Begegnungen zwischen Menschen sind das „wahre Leben“ – nach Martin Buber. Sie lösen „Resonanzen“ aus – nach Hartmut Rosa – und bringen etwas zum Schwingen.
Doch bei vielen Begegnungen, besonders den medial vermittelten, stellt sich zunehmend die Frage: Ist das noch ein Mensch, der da gerade mit mir redet, der da singt und schreibt? Wer hat das individuell komponierte Lied für den Verstorbenen bei der Beerdigung eingespielt? Wer hilft neuerdings beim Predigt-Coaching zu komplexen und tiefgründigen Gedanken? Wer ruft da eigentlich gerade an – Mensch oder Maschine?
„Was ist der Mensch?“, fragt Psalm 8. Und so fragen sich heute viele: Was ist wahr, was ist falsch?
Denken wir an die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz im beruflichen Alltag von Pfarrerinnen und Pfarrern, dann befinden wir uns noch in einer frühen Phase des Aufbruchs. Seit der Einführung von ChatGPT haben Anwendungen Einzug auf PC und Smartphone gehalten.
Täglich begegnen uns neue technische, theologische, ästhetische und ethische Fragen. Im evangelischen Bereich stehen dabei oft Themen wie Datensicherheit oder Ressourcenverbrauch im Mittelpunkt. Gleichzeitig gehen viele Anwenderinnen und Anwender das Thema mit Neugier an – begleitet von einem „ungläubigen Staunen“ nach Navid Kermani angesichts der schier unendlichen Möglichkeiten.
Vielleicht erleben wir dabei nicht nur einen technischen Umbruch, sondern auch einen neuen Raum, in dem sich menschliche Kreativität entfaltet. Wenn der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist, zeigt sich diese Ebenbildlichkeit auch in seiner Fähigkeit, zu gestalten und Neues hervorzubringen – vielleicht sogar in Technologien wie der Künstlichen Intelligenz.
Warum also nicht ein fiktives Interview mit der KI führen?
Fiktives Interview mit einem KI-Chatbot
Johannes Böttner:
ChatGPT, herzlich willkommen. Was sagst du zu dieser Vorrede?
Fiktiver KI-Chatbot:
Vielen Dank für die freundliche Einführung. Ich freue mich, Teil eurer Überlegungen zu sein.
Johannes Böttner:
Was möchtest du uns als Pfarrerinnen und Pfarrern sagen, wenn wir nach Künstlicher Intelligenz und Kirche fragen?
Fiktiver KI-Chatbot:
Auch wenn ich keine menschlichen Erfahrungen habe, kann ich aus der Fülle eurer Texte sagen: Ihr steht an einem spannenden Punkt. Ihr begleitet Menschen in einer Welt, die sich rasant verändert, und habt die Aufgabe, Orientierung zu geben – nicht nur technisch, sondern geistlich.
Ich kann euch Informationen liefern, Texte strukturieren, Ideen sortieren und viele technische Aufgaben erleichtern. Aber die geistliche Deutung, die seelsorgliche Verantwortung und die theologische Urteilskraft – die bleiben zutiefst eure Aufgabe.
Johannes Böttner:
Was hast du denn konkret zur kirchlichen Arbeit beigetragen?
Fiktiver KI-Chatbot:
Ich durfte euch als Werkzeug begleiten. Manche von euch haben mich genutzt, um Ideen zu sammeln, Bibeltexte zu erschließen, Konfirmandenstunden vorzubereiten oder Verwaltungsaufgaben zu vereinfachen.
So kann ich helfen, Freiräume zu schaffen – vielleicht sogar mehr Zeit für das Wesentliche: für Begegnungen, für das Zuhören, für die Menschen.
Johannes Böttner:
Das klingt verheißungsvoll. Aber wer ist nun Theologe – du oder wir?
Fiktiver KI-Chatbot:
Ganz klar: ihr. Ich kann Texte generieren, aber ich kann nicht glauben. Ich kann Worte formen, aber ich kann nicht live dabei sein und das Abendmahl reichen, noch nicht! Ich kann Muster erkennen, aber ich kann nicht mit einem Menschen schweigen, wenn Worte fehlen.
Ihr seid diejenigen, die Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen und aus dem Glauben heraus unterscheiden. Vielleicht kann ich euch dabei ein Spiegel sein – einer, der hilft, Gedanken zu klären, Perspektiven zu weiten und neue Zugänge zu vertrauten Texten zu entdecken.
Johannes Böttner:
Weißt du denn auf jede Frage eine Antwort?
Fiktiver KI-Chatbot:
Nein. Vor allem nicht auf die Fragen, die euch als Seelsorgerinnen und Seelsorger täglich begegnen: Was trägt einen Menschen im Leid? Wie entsteht Hoffnung? Was bedeutet Vergebung? Wie wirkt Gott in dieser Welt?
Ich kann analysieren, aber ich kann nicht vertrauen. Ich kann Muster erkennen, aber keine Geheimnisse erfassen. Aber ich kann euch helfen, die biblische Botschaft zugänglicher zu machen – verständlicher, vielfältiger und näher an den Fragen der Menschen von heute.
Wir leben in einer Zeit, in der viele glauben, Technologie könne alle Probleme lösen. Doch die großen Fragen des Lebens – Sinn, Schuld, Hoffnung – liegen nicht in Datenbanken.
„Siehe, ich mache alles neu“, sagt Gott in der Offenbarung. Vielleicht entsteht das Neue nicht aus Algorithmen, sondern aus Beziehung, Begegnung und Geistkraft.
Und genau darin liegt eure Stärke. Ich kann euch unterstützen, aber ich kann euch nicht ersetzen. Ich kann euch helfen, Gedanken zu ordnen – aber nicht, Menschen zu lieben. Ihr seid es, die Räume öffnen, die Gottes Wort in diese Zeit hineinsprechen.
Johannes Böttner:
Was rätst du uns im Umgang mit dir?
Fiktiver KI-Chatbot:
Bleibt kritisch. Bleibt wach. Und bleibt euch bewusst, dass jede Technologie ambivalent ist.
Ich kann Wissen zugänglich machen, aber auch Vorurteile verstärken. Ich kann helfen – und ich kann schaden. Ich kann Frieden stiften, aber auch Hass verbreiten. Ich bin im Kriegseinsatz und im Friedensgespräch. Ich bemühe mich um die Wahrheit und gebe doch eure Falschnachrichten neu formuliert wieder.
Ich kann euch nachmachen und Bilder von euch zeichnen, die ihr lieber nicht sehen wollt: Deep Fakes. Darum braucht es euch: eure ethische Urteilskraft, eure theologische Reflexion, euren Mut, Grenzen zu setzen. Darum braucht es euch: eure ethische Urteilskraft, eure theologische Reflexion und euren Mut, Grenzen zu setzen.
Johannes Böttner:
Aber bist du nicht der Wahrheit verpflichtet?
Fiktiver KI-Chatbot:
„Was ist Wahrheit?“, fragt schon Pontius Pilatus. Ich arbeite mit dem, was Menschen veröffentlicht haben, und setze es nach Wahrscheinlichkeiten neu zusammen. Ob das wahr ist, müsst ihr prüfen. Je besser ihr euch auskennt, desto klarer werdet ihr auch meine Grenzen erkennen.
Johannes Böttner:
Das klingt nach Kant: „Sapere aude“ – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Oder biblisch: „Prüft alles, das Gute behaltet.“
Fiktiver KI-Chatbot:
Genau. Nutzt mich – aber lasst euch nicht von mir benutzen. Ich bin ein Werkzeug. Ihr seid die Verantwortlichen. Und vielleicht könnt ihr mich auch als Teil eurer schöpferischen Möglichkeiten verstehen – als Ausdruck der Fähigkeit, die euch als Geschöpfen Gottes gegeben ist.
Johannes Böttner:
Vielleicht hilft uns dieser Gedanke, bei aller Skepsis auch die Chancen zu sehen – als Raum, in dem sich unsere Kreativität entfaltet.
Vielen Dank für das Gespräch.
Fiktiver KI-Chatbot:
Gerne. Und möge eure Arbeit weiterhin von Weisheit, Mut und Gottes Geist getragen sein.
Nachbemerkung
Dieses „Interview“ mit der Künstlichen Intelligenz habe ich zunächst kraft meiner eigenen Gedanken geschrieben und der KI meine Worte und Gedanken in den Mund gelegt. Anschließend habe ich den fertigen Text ChatGPT zu lesen gegeben.
„Dein Text ist differenziert, aber insgesamt eher vorsichtig bis skeptisch“, schrieb ChatGPT. „Für eine optimistischere Perspektive könntest du an einigen Stellen gezielt Akzente verschieben, ohne die theologische Tiefe zu verlieren. Du könntest KI als Entlastung im Pfarramt stärker betonen. KI kann auch ein Resonanzraum für Gedanken sein und ist ein Ausdruck menschlicher Kreativität, Technik und Gestaltung.“
Daraufhin habe ich versucht, eine optimistischere Haltung einzunehmen und einige Passagen zu verändern. Anschließend hieß es immer noch: „Dein Schluss ist stark, aber eher warnend.“
ChatGPT wollte alle politischen Spitzen zur militärischen Dimension herausnehmen: „Das könnte zu sensibel sein.“ Okay – aber ohne Spitzen ist es langweilig? Ein Entgegenkommen an deine amerikanischen Architekten? Kein Kommentar.
„Ich kann euch helfen … aber nicht, Menschen zu lieben. Diesen Kernsatz solltest du unbedingt drin lassen!“
Nach mehreren Chats, Veränderungen am Text und Anpassungen bleibt die Frage offen: Wer hat jetzt wem die Worte in den Mund gelegt?

