Kirchenmusik braucht gute Noten

Neue Lieder für die Kirche


Das Jahr 2026 beschert der deutschen Kulturlandschaft eine Reihe von großen Momenten mit besonderen Jubiläen. Drei Ikonen des deutschsprachigen Singer-Songwriter-Genres, die mehr als ein halbes Jahrhundert die Populärmusik geprägt und die Menschen mit ihren Liedern berührt haben, feiern in diesem Frühjahr besondere Geburtstage: Herbert Grönemeyer (70), Wolfgang Niedecken (75) und Udo Lindenberg (80).

Die Texte ihrer Lieder kreisen immer wieder um grundlegende menschliche Themen, um existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens. Sie erzählen von Sehnsucht und Zusammenhalt. Grönemeyer singt etwa in „Ein Stück vom Himmel“, Niedecken in „Verdamp lang her“ und Lindenberg in „Wenn du gehst“ von starken Emotionen wie Hoffnung und Liebe, von Tod, Trauer und Trost.

Viele ihrer Songs und auch die jüngerer Musikerinnen wie Sarah Connor, Annett Louisan oder Anna Loos beschreiben den Weg von Menschen, die auf der Suche nach Halt oder religiöser Orientierung sind.

Den Liedermacherinnen und Sängern gelingt es, bei ihren Konzerten Tausende in einen gemeinsamen emotionalen Raum zu versetzen, in dem das Publikum über die Melodien und Worte starke Gefühle erlebt. Dieser kollektive Prozess entspricht strukturell dem, was die Liturgie in einem Gottesdienst vollbringen will.

Die Worte, die Musik geht direkt ins Ohr und trifft mitten ins Herz. Die Künstlerinnen und Künstler verkörpern eine Theologie in Liedform und eine Art säkulare Seelsorge. Manche Lieder wirken meditativ, wie ein Gebet.

Sollten in der Kirche also mehr dieser Hits gesungen werden, statt der verstaubten Lobpreisungen und vertonten Psalm-Lieder mit seltsamen Texten? Müssen mehr populäre Lieder ins Gesangbuch und weniger alte Reime, in denen Wörter wie Wunderfreud, Wonne, Gnadensonne, Frömmigkeit und Friedefürst tonangebend sind?

Die evangelische Kirche stellt sich derzeit musikalisch neu auf. Das neue Gesangbuch gehört dazu. Eine bunte Playlist bringt bessere Perspektiven.

Längst ist klar, dass durch das gemeinsame Singen eine starke soziale Bindung entsteht und in der Musik eine besondere Kraft der Gemeinschaft liegt.

„Das alte Gesangbuch stammt aus dem Jahr 1994 und hat einen geringen Anteil an populärer Musik. Das neue ist musikalisch ausdifferenzierter, bunter und breiter, so dass alle, die in die Kirche, in den Gottesdienst gehen, sich musikalisch zuhause fühlen“, sagt Stefan Kühler.

Der 53-jährige Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) arbeitet gemeinsam mit seinem Kollegen Uwe Maibaum, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, an der Umsetzung des neuen Gesangbuches mit.

Der Rat der EKD hatte im Reformationsjubiläumsjahr 2017 – 500 Jahre Veröffentlichung der 95 Thesen von Martin Luther in Wittenberg – in Zusammenarbeit mit den Landeskirchen entschieden, dass das Gesangbuch gemeinsam überarbeitet werden soll.

Das neue Evangelische Gesangbuch (EG) umfasst rund 500 Lieder und wird voraussichtlich im Herbst 2029 veröffentlicht. Nach der Erprobungsphase mit 32.000 Exemplaren in rund 600 Gemeinden wird das neue Buch mit sechs Themenrubriken erscheinen, die von Tageslauf, Psalmen und dem Kirchenjahr geprägt sind.

Die Kirche braucht neue Lieder, denn religiöse Bindung entsteht heute weniger durch dogmatische Übereinstimmung als durch Resonanz, aus der Relevanz erwächst. Die Verbindung zu den Menschen basiert auf dem Gefühl, innerlich berührt und existenziell gemeint zu sein.

Musik ist dabei das Schlüsselmedium. Wo alte Choralformen Distanz erzeugen, können moderne Arrangements emotionale Nähe schaffen. Das heißt nicht, dass klassische Kirchenlieder komplett verschwinden. Sie sind für viele Gottesdienstbesucherinnen und -besucher ein identitätsstiftender Klangraum, Ausdruck der liturgischen Verlässlichkeit und kultureller Kontinuität.

„Es gibt sicherlich das eine oder andere Lied, mit dem man fremdelt, weil eine alte Sprache und überkommene Theologie darin stecken. Aber wir möchten nicht das Alte gegen das Neue ausspielen, sondern alles hat seinen Platz“, betont Landeskirchenmusikdirektor Stefan Küchler.

Während klassische Sonntagsgottesdienste an Bindekraft verlieren, mobilisieren anlassbezogene Formate ein breites Publikum – etwa an Weihnachten oder bei besonderen Konzertveranstaltungen, zu denen Kirchengemeinden traditionell einladen.

Gottesdienstbesucher:innen agieren heute zunehmend selektiv und erwartungsorientiert, vergleichbar mit der Rolle von „Kunden“, die gestiegene Ansprüche an Sinnvermittlung und Erlebnisqualität haben und die Angebote der Kirche nach Qualität und persönlicher Relevanz auswählen.

Andererseits zeigt die Erfahrung auch, dass Menschen in religiösen Räumen nicht ausschließlich Unterhaltung, sondern Erfahrung, Transzendenz und Gemeinschaft suchen. Gottesdienste, die nur den Zeitgeist zelebrieren, verfehlen das Ziel ebenso wie solche, die in starrer Traditionspflege verharren.

Wenn heute die Zahl der Gottesdienstbesucher:innen zurückgeht, muss das nicht per se ein Zeichen religiöser Gleichgültigkeit sein, sondern es deutet darauf hin, dass das institutionelle Angebot der Kirche nicht zur Lebenswelt passt.

Kirchenmusik glich schon immer einer Gratwanderung zwischen Traditionsbewahrung und lebendiger Praxis. Martin Luther war der Ansicht, dass die Musik eine Gabe und Geschenk Gottes sei, doch wie dieses Präsent des Himmels klingen soll, darüber wird nach wie vor gerätselt.

Kirchenmusik ist nicht einspurig oder eng zugeschnitten, sondern ein weites Feld, auf dem hinter dem Notenschlüssel zwischen fünf Linien und darüber hinaus ein breiter Spielraum entsteht. Für den Erfolg braucht Musik stets gute Noten – auf dem Blatt und beim Feedback der Menschen.

1524 wurde eines der ersten Gesangbücher herausgegeben. Die Lieder halfen damals, religiöse Themen und auch die Ideen der Reformation unter den Menschen zu verbreiten – gemäß der Erkenntnis, dass der Glaube sich kaum nur denkend über die Predigt vermitteln lässt.

Johann Sebastian Bach meinte, Glaube sei nicht nur etwas Rationales; Musik könne den Glauben spürbar machen.

„Wir sind bei den kulturellen Angeboten sehr stark“, sagt der Landeskirchenmusikdirektor der EKHN und nennt als Beispiele Schlager-Gottesdienste, Abba-Gottesdienste, die Taylor-Swift-Gottesdienste in Heidelberg oder Technomusik in Frankfurt.

Man könne auch ein Lied, das nicht explizit geistlichen Bezug habe, in den Mittelpunkt einer Predigt oder eines Gottesdienstes stellen, das sei immer möglich und werde oft gemacht“, so Küchler.

Er glaubt, dass die Kirche auch viele Menschen erreiche, die nicht Mitglieder einer Gemeinde seien. „Kirchenmusik ist eine Stärke unseres Arbeitsfeldes. Rund ein Drittel der Kirchenmusikerinnen und -musiker, sei es im Posaunenchor oder in den Gesangsgruppen, gehört nicht der Kirche an.“

Die Zukunft des Gottesdienstes entscheidet sich nicht an der Frage, ob die Musik traditionell oder modern sein soll, sondern ob die Kombination von liturgischer Tiefe und kultureller Anschlussfähigkeit mit emotionalem Zugang und identitätsstiftenden Elementen gelingt.

Auf der Agenda und im neuen Gesangbuch steht beides: die Tradition spiritueller Lieder und die Songs, die die Menschen berühren.

„Das neue Gesangbuch ist eine Impulsgeberin, die die Musik weiterentwickelt. Darin wird eine ganze Menge neu sein, mehr als die Hälfte der Lieder kommt aus der Richtung Singer-Songwriter. Wir brauchen neue Singformen und eine neue Form des Feierns. Schön wäre es, wenn Menschen begeistert von unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen erzählen“, so der Wunsch von Stefan Küchler.

„Ich glaube, in unseren Gemeinden ist ganz viel Musik drin.“