Albert Schweitzer

Vielleicht liegt es an diesen merkwürdigen Zeiten, dass mich dieses Buch so anspricht. Sätze wie: „Gut ist: Leben erhalten und fördern; schlecht ist: Leben hemmen und zerstören.“ oder „… lasst euch nicht abstumpfen, bleibt wach! Es geht um eure Seele.“ treffen ins Mark.

Ungläubig blättere ich im Buch, um mich zu vergewissern – wann genau hat er, Albert Schweitzer, diese so einfachen wie klaren Aussagen gemacht?

Im Februar 1919 im Rahmen einer Predigt in Straßburg; der Erste Weltkrieg ist noch nicht ganz zu Ende, formuliert er erstmalig öffentlich seine Überzeugung, die all seinem Handeln und Denken zugrunde liegt: die Ehrfurcht vor dem Leben.

Das, was er den Menschen mitgeben möchte, ist ein Ideal, dessen ist er sich bewusst:

„Als Ideal des materiellen und geistigen Seins des Menschen stellt die Ehrfurcht vor dem Leben also auf, daß er in möglichster Ausbildung aller seiner Fähigkeiten und in möglichst weitgehender materieller und geistiger Freiheit darum ringe, gegen sich selbst wahrhaftig zu sein und allem Leben um ihn herum miterlebende und helfende Teilnahme entgegenzubringen.“
(aus: Kultur und Ethik/Forderungen und Wege, 1923)

Der Anspruch ist hoch und Schweitzer war sich bestimmt bewusst, dass die Menschen – ihn eingeschlossen – dieses Ideal nie vollkommen erreichen würden, aber es lohne sich, danach zu streben.

Wer die Mischung aus leicht altertümlicher Ausdrucksweise und doch anschaulicher Sprache liebt, kommt auch auf seine Kosten:

„Die Tatsachen rufen uns zur Besinnung, wie die Bewegungen des kenternden Fahrzeuges die Mannschaft auf Deck und in die Segel jagen. Schon ist uns der Glaube an den geistigen Fortschritt der Menschen und Menschheit etwas fast Unmögliches geworden. Mit dem Mute der Verzweiflung müssen wir uns zu ihm zwingen. Alle miteinander wieder den geistigen Fortschritt des Menschen und der Menschheit wollen und wieder auf ihn hoffen; dies ist das Herumwerfen des Steuers, das uns gelingen muss, wenn unser Fahrzeug im letzten Augenblick noch vor den Wind gebracht werden soll.“
(aus: Kultur und Ethik/Forderungen und Wege, 1923)

Ich sehe Wasser, Schiffe und Segel vor mir, bevor mich – mitten im Genuss der Bildhaftigkeit dieser Worte – umso härter trifft: Der Glaube an den geistigen Fortschritt der Menschheit ist uns etwas fast Unmögliches geworden!

In seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Nobelpreises 1954 hat er deutliche Worte gefunden zum damaligen Zustand der Welt. Der Titel seiner Rede, im Buch zu finden, lautet: „Das Problem des Friedens in der heutigen Welt“.

Allein der Titel sagt schon sehr viel, wenn nicht alles: „Das Problem des Friedens“ heißt also, Frieden zu schaffen und zu halten, ist von vornherein ein Problem.

Gnadenlos hält Albert Schweitzer „den Nationen“, „den Staatsmännern“, „der Menschheit“ den Spiegel vor:

„Wagen wir die Dinge zu sehen, wie sie sind. Es hat sich ereignet, daß der Mensch ein Übermensch geworden ist. … Als Übermensch kommt er dazu, sich die Energie, die bei der raschen Verbrennung eines gewissen Gemisches von chemischen Stoffen frei wird, durch eine dazu erfundene Vorrichtung zunutze zu machen.

Der Übermensch leidet aber an einer verhängnisvollen geistigen Unvollkommenheit. Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf.“

In einem Brief wird er noch konkreter. Im Rückblick führt er fast hellseherisch aus, was „die Völker“ tun müssen, damit die damals schon vorhandenen Atomwaffen vollständig vernichtet werden und dass das auch so bleibt.

Er legt mit seinen Worten den Finger auf die leider noch heute – 2026 – schwelende Wunde:

„Die Garantie durch Vertrauenswürdigkeit ist ihrem Wesen nach derjenigen durch völlige Kontrolle überlegen. Diese letzte garantiert ja nur die Möglichkeit der Entdeckung, dass der Vertrag nicht gehalten wird. Die Garantie durch Vertrauenswürdigkeit hingegen gibt die Sicherheit, dass der Vertrag tatsächlich gehalten wird.“

Vertrauenswürdigkeit? Der Kontrolle überlegen? Unsere Welt wäre um einiges friedlicher, wenn Vertrauenswürdigkeit zwischen Vertragspartnern auf höchster Ebene wieder herrschen würde.

Besser kann man nicht ausdrücken, woran „die Menschheit“ krankt – auch heute noch. Dass diese Worte so aktuell erscheinen, zeigt, wie universell Albert Schweitzer gedacht und wie einleuchtend – fast formelhaft – er seine Gedanken ausformuliert hat.

Es zwängt sich regelrecht auf, beim Lesen Passagen laut zu lesen; einige Texte sind ja auch als Reden oder Vorträge oder als Predigt konzipiert.

Das Buch schließt mit einem sehr bewegenden Text „Rückblick und Ausblick“ aus Aus meinem Leben und Denken. Bei dessen Titel könnte man meinen, Albert Schweitzer hätte ihn am Ende seines langen, 90 Jahre währenden Lebens geschrieben. Dieser Text stammt jedoch aus dem Jahr 1931, da war er 56, geschrieben in Lambarene, noch einige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg.

Der Herausgeber Hans Walter Bähr hat diesen Text bewusst ans Ende des Buches gestellt, obwohl er von der Chronologie her an anderer Stelle gehört hätte.

Ein „Hammer“-Satz folgt auf den anderen, und hätte Albert Schweitzer den Ausdruck „Fake News“ gekannt und gewusst, was er impliziert, er hätte das Dilemma nicht besser als so beschreiben können:

„Mit dem Geiste der Zeit befinde ich mich in vollständigem Widerspruch, weil er von Missachtung des Denkens erfüllt ist. … Sein ganzes Leben hindurch ist der heutige Mensch der Einwirkung von Einflüssen ausgesetzt, die ihm das Vertrauen in das eigene Denken nehmen wollen … Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung … Durch seine Geringschätzung des Denkens hat unser Geschlecht den Sinn für Wahrhaftigkeit und mit ihm auch den für Wahrheit verloren.

Darum ist ihm nur dadurch zu helfen, dass man es wieder auf den Weg des Denkens bringt. Weil ich diese Gewissheit habe, lehne ich mich gegen den Geist der Zeit auf und nehme mit Zuversicht die Verantwortung auf mich, an der Wiederanfachung des Feuers des Denkens beteiligt zu sein.“

Was für eine immense Kraft steckt dahinter, sich nichts Geringeres vorzunehmen, als das Feuer des Denkens bei den Menschen wieder anzufachen.