Geh aus, mein Herz, und suche Freud
Im März 1651 stirbt der Mittenwalder Propst Kaspar Göde. Der Magistrat der Kleinstadt, rund 40 Kilometer südlich von Berlin, wendet sich an das Geistliche Ministerium mit der Bitte, einen geeigneten Mann für die Nachfolge zu empfehlen.
Die Antwort aus Berlin lässt nicht lange auf sich warten. Aufgrund seiner Persönlichkeit und seines kirchlichen Engagements lautet die Empfehlung: Paul Gerhardt.
Nach der Probepredigt wird Gerhardt berufen. Vor dem Amtsantritt muss er, der sich bis zum 44. Lebensjahr als Student der Theologie bezeichnet und als Hauslehrer tätig ist, zum Pfarrer ordiniert werden. Das geschieht am 18. November 1651 in der Berliner Nikolaikirche.
Dabei, und das wird für sein Leben von existenzieller Bedeutung, verpflichtet er sich auf die lutherischen Bekenntnisschriften als Richtschnur für sein pfarramtliches Handeln.
Für ein paar Jahre lässt Paul Gerhardt Berlin nun hinter sich. In der von dreißig Kriegsjahren geschleiften Stadt erlebt er Armut, Hunger, Schmutz und Tod und deutet Krieg als Strafe Gottes für die Schuld der Menschen. Dafür will er die Augen öffnen – und zugleich seine unbändige Hoffnung dagegensetzen.
Noch in Berlin hatte Johann Crüger Gerhardts Charisma entdeckt, bewegende Texte für Lieder schreiben zu können. Crüger war 1622 im Alter von 24 Jahren die Kirchenmusik an der Nikolaikirche anvertraut worden. Dort fordert und fördert er Gerhardt.
Beide verbindet das Ziel, durch Singen und Musizieren Menschen das Gotteslob in die Herzen zu schreiben: den Gebildeten bei Hofe und den vielen Analphabeten in der Stadt.
Das Zusammenwirken der beiden gilt als Sternstunde der Kirchenmusik. Crüger gibt Gesangbücher heraus. Damit öffnet er Gerhardt die Tür zu breiter Wirksamkeit. Das erste Gesangbuch erscheint 1640. Bereits die zweite Auflage von 1647 enthält 18 Paul-Gerhardt-Texte, in der fünften Auflage von 1653 werden es 82 Texte sein.
Dazu zählt auch das Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, im Gesangbuch datiert auf das Jahr 1653.
Dass in Mittenwalde die Verbindung zu Crüger nicht abreißt, wird Gerhardt durch drei Krisen tragen. Da sind zum einen die schweren Kriegsfolgen: Nach dem Durchzug der kaiserlichen und schwedischen Truppen war die Stadt belagert und geplündert worden. Durch Folter und Vergewaltigung hatte die Bevölkerung Entsetzliches erlitten.
Von 245 Häusern sind nach Kriegsende 1648 nur noch 43 Häuser bewohnt.
Entsetzt schreibt Paul Gerhardt:
„Sieh an, mein Herz, wie Stadt und Land
an vielen Orten ist gewandt
zum tiefen Untergang;
der Menschen Hütten sind zerstört,
die Gotteshäuser umgekehrt.“
Aber bei der Klage will der Seelsorger von Mittenwalde nicht stehen bleiben. Die Tränen der Menschen will er abtrocknen, Wunden verbinden, Augen frei machen für den Blick nach vorne, Herzen anrühren.
In fünfzehn Strophen seines Gedichtes, das auf die Wunder Gottes weist, will er Staunen neu ermöglichen und Hoffnung verbreiten. Nicht alles ist verloren. Neues Leben wächst heran und blüht:
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.“
Die ersten acht Strophen strahlen vor Begeisterung für die Schönheit der Schöpfung. Dagegen führt die neunte Strophe zum Innehalten. Natürlich sind die Wunden des Krieges allgegenwärtig, noch ist es eine arme Erde, der Gerhardt einen eschatologischen Blick hin zum Reich Gottes entgegensetzt:
„Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erde:
Was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden.“
In dieser Strophe mit ungebrochenem Glauben an die Auferstehung steckt zugleich das Potenzial zur Verarbeitung der zweiten, ganz persönlichen Krise.
Am 11. Februar 1655 heiratet Paul Gerhardt Anna Maria Berthold, die jüngste Tochter jener Familie, in der er als Hauslehrer tätig war. Fünf Kinder kommen zwischen 1656 und 1664 zur Welt. Vier sterben nach kurzer Zeit.
Entsetzlich groß ist die Kindersterblichkeit „auf dieser armen Erd“. Tiefer Trauer setzt Gerhardt die Hoffnung auf himmlische Freuden und sein anhaltendes Gotteslob entgegen. In Strophe elf schreibt er:
„Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.“
Im Juni 2018 wird Mittenwalde offiziell zur „Paul-Gerhardt-Stadt“. Damit würdigt sie ihren Ersten Ehrenbürger. Dabei ist Paul Gerhardt bereits im Sommer 1657 nach Berlin zurückgekehrt, vielleicht, um an die Zusammenarbeit mit Johann Crüger wieder eng anknüpfen zu können.
Doch in Berlin folgt die dritte Krise. Durch den Übertritt des kurfürstlichen Herrscherhauses zum reformierten Glauben geraten die Lutheraner zunehmend unter Druck. Kurfürst Friedrich Wilhelm versteht das Abendmahl symbolisch, nicht sakramental. Den üblichen „Exorzismus“ bei lutherischen Taufen lehnt er ab, genauso wie Kirchenschmuck und Zeremonien.
Für lutherische Theologen stellt dieses Denken „eine Gefährdung der Heilsvermittlung und damit eine Schwächung für die Rettung des Menschen in Zeit und Ewigkeit“ dar. Diese Einschätzung stammt aus: Paul Gerhardt, Christian Bunners, München/Berlin, 2. Auflage 1994.
Wie viele Amtsbrüder ist Gerhardt angesichts der Selbstverpflichtung auf die lutherischen Bekenntnisschriften nicht bereit, der „Toleranzforderung“ des Kurfürsten Folge zu leisten. Mit ihr verbunden sind zahlreiche Benachteiligungen der 95-prozentigen lutherischen Mehrheit gegenüber der reformierten Minderheit.
Als die Konflikte eskalieren, werden die Lutheraner 1663 mit einem Dekret konfrontiert, das dem Kurfürsten die Macht gibt, „diejenigen aus dem Land zu jagen, die die reformierte Religion nicht leiden wollten“.
Im Februar 1666 wird Paul Gerhardt des Amtes enthoben. Einsprüche der Berliner Bürgerschaft können das nicht verhindern.
Zum Verlust seines Amtes kommt der Tod seiner Ehefrau. Im Februar 1668 stirbt sie an einem Lungenleiden. Paul Gerhardts Lebensgeschichte ist nicht weit entfernt von der des biblischen Hiob – auch im Festhalten an seinem Glauben.
In Strophe 14 schreibt er nach Psalm 1:
„Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum
und lass mich Wurzeln treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.“
Im Herbst 1668 wird er doch noch auf die Pfarrstelle in Lübben berufen, wo der nach Martin Luther sicher bedeutendste Dichter von Kirchenliedern am 27. Mai 1676 stirbt.
Sein 350. Todestag in diesem Jahr wird sicher mit Gedenken an manchem Ort verbunden sein.
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ wird allerdings erst durch die Vertonung von August Harder um 1813 zum geistlichen Volkslied mit anhaltender Beliebtheit.

