Die Geschichte hinter dem Lied

Die ganze Welt hast du uns überlassen

Wir schreiben das Jahr 1965. Die Vorbereitungen für den 12. Dt. Evang. Kirchentag in Köln laufen. In der Gesellschaft gärt es. Die 68er werfen ihre Schatten voraus. Neue Lieder zum Kirchentagsthema „In der Freiheit bestehen“ werden gesucht. Ein Preisausschreiben wird ausgelobt. Christa Weiß, Pädagogin und Lektorin, gewinnt. Ihr Text hat den Titel: „Die ganze Welt hast du uns überlassen“ und Hans Rudolf Siemoneit, Kantor und Dozent in Baden, schreibt dazu eine Musik, die später zum einzigen Jazz-Titel im Evangelischen Gesangbuch wird.

In sechs Strophen formuliert Christa Weiß dicht und eindrücklich Gedanken zur Spannung zwischen der Freiheit als Geschenk Gottes und dem Erschrecken darüber, wie Menschen mit dieser Gabe umgehen, die sich aus Liebe und unendlicher Geduld zusammensetzt und selbst zu Trotz und Widerstand frei macht.

Als Schüler habe ich in der Entstehungszeit des Liedes erlebt, wie im Frankfurter Westend völlig intakte Jugendstil-Villen abgerissen wurden. Sie mussten den Banktürmen weichen, die heute die Skyline meiner Heimatstadt prägen. Mit großen Demonstrationszügen gingen wir auf die Straße, getrieben von der Frage, ob sich das Kapital denn jede Freiheit nehmen darf und gewinnorientiert kaufen und verkaufen kann, was es will. Die Villen am Rand der durch Bombenabwürfe zerstörten Frankfurter Innenstadt empfanden wir Schüler:innen als zu bewahrende Zeugnisse für die Zeit und ihre Bewohner:innen vor dem Krieg. Über vielen Villen schwebte bereits die Abrissbirne. Darum kam es häufig zu Straßenschlachten mit der Polizei. Wir konnten damals nicht den kompletten Stopp der Zertrümmerung erreichen, aber immerhin stehen einige der betroffenen Häuser noch heute.

Rund um diese handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Zerstören und Bewahren habe ich begriffen, dass Freiheit keine einfache Sache ist. Menschen zu allen Zeiten tun sich offenbar schwer, die Größe dieser Gottesgabe richtig einzuordnen. Das beginnt bereits mit dem Exodus, dem Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Kaum ist Israel frei, beginnt das Jammern und Klagen. Was sollen wir essen und was trinken? Schnell kreist die Parole: Wären wir doch lieber in Ägypten geblieben. Dort gab es wenigstens das Lebensnotwendige. Wenn ich heute, fast vier Jahrzehnte nach dem Mauerfall, auf einer Fahrradtour Menschen in Sachsen-Anhalt oder in Thüringen begegne, klingt die Verklärung der Lebensumstände in der früheren DDR bisweilen fast gleich.

Freiheit im Konkreten ist offensichtlich eine schwierige Sache. Nicht aber in der Bibel. Auch nicht im Liedtext von Christa Weiß. Dort heißt es: „Gott schenkt Freiheit, seine größte Gabe gibt er seinen Kindern“. Und Artikel 1 der Allgemeinen Menschenrechte unterstreicht, dass Freiheit uns allen zusteht, gesetzlich verbürgt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“.

Den Missbrauch des Gottesgeschenks Freiheit gibt es aber auch in all jenen Staaten, in denen die Meinungsfreiheit unterbunden, die Glaubensfreiheit unterdrückt und die Demonstrationsfreiheit zerschlagen wird. Wir selbst, in unserem Land, setzen unsere Freiheit wie oft aufs Spiel, wo wir Spiel- und Mitgestaltungsräume nicht nutzen, uns wenig reflektiert von politischen Schwarz-Weiß-Malern vereinnahmen oder von Konsumgütern betören lassen.

Aber wären wir Menschen wirklich frei für eigene Wege, wenn Gott uns wie Marionetten führen würde, um Schlimmes zu verhindern, um Zerbrochenes zu reparieren? In meinem Bücherregal steht ein Gedichtband, den ich sehr liebe. Sein Titel lautet: „Freiheit auch für Sackgassen“. Genau diese Freiheit unterstreicht in ihrem Lied auch Christa Weiß. Symbolisch dafür versteht sie die Vertreibungsgeschichte aus dem Paradies. Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, wurden sie frei – in jeder Hinsicht. Ein Zurück in die Geborgenheit des Nestes war nicht mehr möglich. Seither, das gilt für jede Generation, sind wir Menschen frei. Seither haben wir in aller Offenheit die Wahl. Wir können hoffen und glauben. Wir können auch mit Trotz und Widerstand gegen Gott aufbegehren. Beides ist möglich – und beides hat Konsequenzen.

Aus Liebe und mit unendlicher Geduld schenkt Gott Freiheit, heißt es im Lied, und ist zu verstehen als größte Gabe, die Gott seinen Kindern ermöglichen kann. Als Vater eines inzwischen erwachsenen Sohnes kann ich den Spagat Gottes nur erahnen, der mit dem Geschenk der Freiheit verbundenen ist: Eigene Kinder losgehen zu lassen, sie einfach machen zu lassen, dabei längst nicht alles akzeptieren zu können, Trotz und Widerstand zu erleben, Geduldsproben aushalten zu müssen – und doch immer wieder da zu sein, um die Kinder mit offenen Armen zu empfangen – unfassbar, dieser so lange Atem der Liebe Gottes.

In jüngster Zeit haben uns die Aktivist:innen der Fridays-for-Future-Bewegung und der „Last Generation“ provokant damit konfrontiert, an welche Grenzen wir unsere eine Erde durch den Missbrauch unserer Freiheit geführt haben und wie wir uns durch anhaltenden Raubbau selbst den Ast absägen, auf dem wir alle sitzen. Ein Abgrund hat sich längst aufgetan.