Der Hoffnungsspur biblischer Tradition folgen

Trauen Sie der Bibel noch etwas zu? Das ist vielleicht eine merkwürdige Frage an Sie als Pfarrperson oder kirchlich engagierte Leser:in dieser Zeitschrift. Doch spielt die Bibel außerhalb von Gottesdienst und Konfirmandenunterricht noch eine Rolle im alltäglichen Leben? Aktuelle Studien zeigen, dass nur 4 bis 5 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung regelmäßig in der Bibel lesen.

Die Ansicht, dass die Bibel ein wichtiges Kulturgut ist, wird von vielen geteilt. Sie wurde in unzählige Sprachen übersetzt und in der ganzen Welt verbreitet – mit positiven wie negativen Folgen. Viele Kunstwerke und Werke der Literatur sind ohne Kenntnis der biblischen Bezüge nicht zu deuten. Die altertümliche Sprache der Lutherübersetzung ist für viele der Klang der Bibel. Der Wortlaut der Weihnachtsgeschichte … „und es begab sich zu der Zeit, da Quirinius Landpfleger in Syrien war…“ erzeugt ein Gefühl von Vertrautheit und Fremdheit zugleich. Kann die Bibel mehr sein als ein Wortmuseum, das nur noch an hohen Feiertagen geöffnet hat?

Auch wenn nur wenige Menschen regelmäßig in der Bibel lesen, ist das Interesse an ihr erstaunlich hoch. Wenn 18- bis 24-Jährige befragt werden, sagen sie mehrheitlich, dass sie gerne etwas über die Bibel erfahren wollen. Mit zunehmendem Alter wird das Interesse weniger. Dafür werden eine Reihe von Gründen genannt: Sprache und Umfang seien abschreckend, ohne Erklärung seien die Texte nicht verständlich. Über 80 Prozent sagen, dass sie keinen Grund haben, Bibel zu lesen, weil sie keine Bedeutung für sie und ihr Leben hat.

Im US-amerikanischen Kontext scheint das keine Frage zu sein. Zum 250-Jahr-Jubiläum der Staatsgründung wurde im April 2026 eine nationale Bibellesung „America Reads the Bible“ initiiert: Prominente Personen aus Politik, Kirche und Gesellschaft – vor allem aus konservativ-evangelikalen Kreisen –, haben biblische Passagen öffentlich vorgelesen, u. a. der Verteidigungsminister, der Sprecher des Repräsentantenhauses und sogar der Präsident selbst. In diesem Umfeld wird der Kampf gegen Abtreibungsgesetze, Maßnahmen gegen die Gleichstellung und gegen LGBTIQ-Rechte biblisch legitimiert. In Pressekonferenzen nach den Angriffen auf den Iran wurde mit Hilfe von Versen aus der Offenbarung des Johannes der Krieg als Teil des göttlichen Plans gegen das Böse gedeutet.

Eine solche Art von Relevanz biblischer Traditionen wünsche ich mir für den deutschen Kontext auf keinen Fall. Ich bin entsetzt und fühle mich zugleich hilflos, wie ich, wie wir als Kirche auf diese Art der politischen Vereinnahmung reagieren können. Empört bin ich vor allem über das Gottesbild, das hinter diesen Äußerungen aufscheint. Doch bei aller Kritik an dieser Form der Instrumentalisierung biblischer Texte will ich es mir selbst nicht nehmen lassen, mich von ihnen leiten zu lassen.

Eine Gemeinsamkeit der jüdischen und der christlichen Tradition ist es, dass Worte der Schrift immer wieder neu gehört und auf die eigene Gegenwart bezogen werden. Allerdings hören dabei nicht alle dasselbe. Deshalb gehört die Diskussion, der engagierte Streit um die angemessene Auslegung dazu. Der Vielfalt der biblischen Tradition entspricht die Vielfalt der Deutungen. Es geht darum, die eigene Auffassung gut zu begründen und wahrzunehmen, dass es ganz andere Sichtweisen gibt. Biblische Texte sind grundlegend deutungsoffen. Doch bedeutet das keine Beliebigkeit.

Wenn Texte aus ihrem Zusammenhang gerissen und für eigene politische Ziele instrumentalisiert werden, ist das nicht mehr legitim. Denn die biblische Tradition lehrt vor allem eines: selbstkritisch das eigene Handeln zu reflektieren und sich nie zu gewiss zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen. Und wenn es doch angemessen erscheint, gegen Unrecht mit Gewalt vorzugehen, müssen auch andere Einschätzungen und Gegenargumente gehört und sorgsam abgewogen werden.

Um die Stimme der biblischen Tradition hörbar werden zu lassen, braucht es die Stimmen vieler. Deshalb ist es für die christlichen Kirchen bedenklich, dass nur noch so wenige Menschen der Bibel regelmäßig begegnen und sie mit ihrem Alltag verknüpfen. Denn auch für die Kritik am missbräuchlichen Umgang ist es nötig, sie zu kennen. Aus diesem Grund hat Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt. Priestertum aller Getauften bedeutete für ihn ganz praktisch, dass alle sie selbst lesen und verstehen können. Er hat auf die Sprachkraft der Bibel vertraut und sie in seiner großartigen Übersetzung den Menschen in ihrer Muttersprache eröffnet.

Das Projekt Bibel in gerechter Sprache knüpft an diesen Gedanken an. Ich selbst habe als Übersetzerin des Briefs nach Rom mitgearbeitet. Wenn ich zurückschaue, gehört der Umgang mit dem Gottesnamen zum Wichtigsten, was ich in dieser Zeit gelernt habe und was auch nach 20 Jahren ihre bleibende Aktualität ausmacht.

In der Wüste, aus einem brennenden Dornbusch heraus hat sich Gott Mose mit einem Namen vorgestellt, der Leben bedeutet: „Ich werde sein, ich bin, ich war.“ (Ex 3,14) Gott hat einen Eigennamen, der in der Hebräischen Bibel mit vier Konsonanten, dem sogenannten Tetragramm, geschrieben wird: J_H_W_H. In der jüdischen Tradition wird der Gottesname nicht ausgesprochen, sondern mit verschiedenen Erfurchtswörtern wiedergegeben, Adonaj, Ha-Schem: der Name, der Ewige, der Heilige…

In diese Tradition stellt sich die Bibel in gerechter Sprache und erweitert sie um die weiblichen Formen: die Ewige, die Heilige, die Lebendige. Gott steht für Leben und Vielfalt.

Alle Beschreibungen Gottes sind Sprachbilder, die jeweils eine Seite dieser Vielfalt zu erfassen vermögen. Die Bezeichnungen Herrscher, Kriegsführer oder König zeigen jeweils nur einen Aspekt – oftmals in Passagen der Bibel, in denen die Menschen geschlagen, erniedrigt und ohne Hoffnung auf Selbstbestimmung ihr Vertrauen auf einen mächtigen Gott zum Ausdruck bringen. Er soll sie aus dieser Situation retten und ihnen neuen Mut schenken.

Neben diesen erscheint Gott auch mit weiblich gelesenen Eigenschaften: als Mutter, als Amme oder Glucke. An anderen Stellen ist Gott eine feste Burg, eine Quelle, ein Zufluchtsort. Alle, die auf Gott vertrauen, sind eingeladen, sich in diese Tradition hineinzusprechen oder der biblischen Vielfalt eigene Erfahrungsbilder an die Seite zu stellen.

Dazu braucht es immer neue Versuche, Texte, die existentielle Lebenserfahrungen ausdrücken, in die eigene Sprache zu übersetzen. Viele biblische Erzählungen, Gebete und Lieder sind im Kontext politischer Konflikte und lebensbedrohlicher Krisen entstanden. Ihrer Hoffnungsspur zu folgen, kann auch heute Menschen stärken und Widerstandskraft wachsen lassen. Deshalb ist es für die Kirche, die Gemeinschaft des Wortes, so wichtig, der Bibel viel zuzutrauen und möglichst vielen Menschen das Gespräch mit ihr in möglichst vielfältigen Übersetzungen immer wieder neu zu ermöglichen.