
Ich kann mich sehr genau daran erinnern, als ich zum ersten Mal den jüdischen Friedhof in unserem nordhessischen Dorf bewusst wahrnahm. Ich sah die verwitterten Steine zwischen den hohen Tannen und fragte meine Eltern, was es damit auf sich habe. Sie erklärten mir, dass dies der Friedhof der jüdischen Gemeinde sei, die es zu früheren Zeiten gegeben habe, aber heute nicht mehr. Fortan ließ mich das Thema nicht mehr los. Wie konnte die Gemeinde so plötzlich verschwinden? Und was hatte das mit den Nazis zu tun?
Seit damals beschäftigte mich die Frage, wie es zum „Holocaust“ und zur systematischen Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus kam. Immer wieder hörte ich von meinen Großeltern von den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Sie hatten die Nazi-Zeit noch erlebt und im BDM und in der HJ ihre Jugend verbracht. Wie geblendet waren sie dem Führer gefolgt und hatten zugesehen, wie jüdische Nachbarn und Freunde abgeholt wurden. Sie hatten sich schuldig gemacht, wie viele andere auch.
Doch wie gehen wir Nachgeborene der dritten oder vierten Generation heute mit dem belastenden Erbe um? Bedeuten uns Gedenktage wie der 27. Januar, der 8. Mai oder der 9. November noch etwas, oder müssen wir über Gedenken neu nachdenken?
Susanne Siegert stellt mit ihrem Buch genau diese provozierenden Fragen: Wie kann die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen die jüngeren Generationen erreichen? Und wem gehört die Erinnerung? Siegert hat kein klassisches Geschichtsbuch geschrieben, sondern eher ein gesellschaftliches Plädoyer, sich mit dem Thema der Erinnerungskultur kritisch auseinanderzusetzen.
Die Autorin, die durch ihre digitale Bildungsarbeit auf Instagram und TikTok @keine.erinnerungskultur bekannt geworden ist, fragt immer wieder, wie die Holocaust-Erinnerung in einer Zeit ohne Zeitzeug:innen weitergetragen werden kann — und warum manche Formen des Gedenkens heute scheinbar ritualisiert und emotional entleert wirken. Bei aller Begeisterung für die sozialen Medien schaut sie selbstkritisch auf heutige Mechanismen der digitalen Erinnerungskultur: Diese #WeRemember-Posts von Markus Söder und mir erfüllen wahrscheinlich ziemlich gut die Definition vom „Gedächtnistheater“.
Erwischt! Habe ich nicht auch schon mal so ein Bild mit dem Hashtag gepostet?
Die große Stärke des Buches liegt in seiner Zugänglichkeit. Siegert schreibt klar, persönlich und verständlich, ohne akademische Distanz. Besonders überzeugend ist ihr Versuch, Erinnerung aus dem rein Institutionellen herauszulösen und stärker mit persönlicher Verantwortung zu verbinden. Wenn sie dazu auffordert, die eigene Familiengeschichte ernst zu nehmen und über Mitläufertum, Schweigen oder Verdrängung zu sprechen, trifft sie einen empfindlichen Punkt, der derzeit viele dazu treibt, die Datenbanken nach der NSDAP-Mitgliedschaft von Verwandten zu überprüfen.
Ich bin keine (studierte) Historikerin, komme nicht aus einer Akademikerfamilie … Ich konnte mich nie für Theorie begeistern … (weshalb ich) lange dachte, meine Stimme werde in der Auseinandersetzung mit NS-Geschichte … keine Rolle spielen.
Besonders deutlich wird ihr Anliegen dort, wo sie die Nachkommen der Tätergesellschaft, wie mich, direkt anspricht:
Und genau das möchte ich mit diesem Buch auch für Nazienkel:innen und -urenkel:innen leisten: Ihnen ihre beziehungsweise unsere Rolle im „Gedächtnistheater“ vor Augen führen.

Siegert zeigt, dass Erinnerung nicht nur Rückschau sein darf, sondern immer etwas mit heutigen gesellschaftlichen Fragen zu tun hat: Antisemitismus, Ausgrenzung, digitale Öffentlichkeit oder die Frage, wer überhaupt sichtbar erinnert wird. Positiv fällt außerdem auf, dass sie marginalisierte Opfergruppen wie „Sinti und Roma“ und weniger bekannte Perspektiven wie die Genderfrage im Holocaust bewusst mit einbezieht.
Auch die internationale Sicht wird deutlich, wenn sie den beiden Beispielen Dänemark und Albanien nachgeht:
Zwei Länder möchte ich als „Positiv-Beispiele“ hervorheben. Einmal Dänemark, wo fast 90 Prozent der Juden und Jüdinnen überlebt haben. Die Historikerin Carol Rittner bezeichnete die Shoah dort sogar als »failed«, als gescheitert. Dasselbe gilt auch für das überwiegend muslimische Albanien, in dem als einzigem Land in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg sogar mehr Juden und Jüdinnen lebten als davor.
Siegert rät dazu, Erinnerung lokal konkret werden zu lassen, wie es in zahlreichen Initiativen auch in Kirchengemeinden geschieht. Sie fordert dazu auf, nicht nur an symbolische Orte wie Auschwitz zu denken, die mit festen „Holocaust Icons“ (z. B. Tore, Gleise, Gaskammern) belegt seien, sondern auch die Verbrechen vor der eigenen Haustür sichtbar werden zu lassen.
„Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass es in deiner Umgebung Tatorte von Naziverbrechen gab.“
Sie selbst macht das am Beispiel ihres Heimatortes deutlich. In der Nähe lag das KZ Außenlager Mühlendorfer Hart. Siegert hat die Geschichte des Ortes recherchiert und motiviert ihre Leser:innenschaft:
„Wenn jede Person … Tatorte vor ihrer eigenen Haustüre sichtbar macht … entsteht ein ganz neues Bewusstsein dafür, dass NS-Verbrechen nicht nur an heute symbolisch durch »Icons« aufgeladenen Orten stattfanden, sondern mitten in unseren Städten, Dörfern und Nachbarschaften.“
Gleichzeitig hat das Buch Grenzen. Manche Thesen wirken zugespitzt, besonders wenn bestehende Formen der Gedenk- und Bildungsarbeit pauschal als ritualisiert, fast erstarrt oder anmaßend beschrieben werden. Wer selbst in Schule, Kirche oder Gedenkstättenpädagogik arbeitet, könnte einwenden, dass viele der Probleme, wie die kulturelle Vereinnahmung von Slogans wie „Nie wieder Krieg“ und die Frage nach der Unvergleichbarkeit des Holocausts längst diskutiert werden.
Nicht alles, was Siegert fordert, ist neu — neu ist aber die Art der Vermittlung und ihre Reichweite, besonders über ihre digitalen Kanäle.
Ihr gesellschaftskritischer Ansatz ist nicht unbedingt ein Mangel, sollte aber die Erwartungshaltung prägen: „Gedenken neu denken“ will weniger historisch analysieren als bewegen.
Siegert weiß sich im Diskurs mit ihrer Followerschaft. Dort vermutet einer die Tendenz, familiäre Verstrickungen auszublenden:
„Eine Seite hat Lebensmittel für jüdische Nachbarn geschmuggelt und ist fast ins KZ gekommen. Die andere Seite hat Amnesie.“
Solche Stellen machen deutlich, warum das Buch viele Leser:innen emotional erreicht. Siegert schreibt nicht distanziert, sondern persönlich und moralisch engagiert. Das zeigt sich besonders im Schluss des Buches:
„Ich könnte einfach an Stolpersteinen vorbeilaufen, aufs Handy schauen statt auf den Boden – und diese Verbrechen wären in meinem Leben nicht so präsent. Das Privileg, sich nicht erinnern zu müssen, hatten die Opfer und ihre Nachkommen nie.“
Gerade darin liegt die Qualität des Buches. So bleibt ein engagiertes, gut lesbares und diskussionswürdiges Buch, das weniger durch historische Neuheit überzeugt als durch den Versuch, Erinnerungskultur emotional, persönlich und gegenwartsnah neu zu öffnen.

