Eine Erfolgsgeschichte

Eine Erfolgsgeschichte

Im Oktober 2006, nach fünf intensiven Jahren Übersetzungsarbeit, kam die Bibel in gerechter Sprache (BigS) zur Welt: Manchen als Stein des Anstoßes, so anstößig, dass einige sie verteufelten. Andere atmeten befreit auf: „Endlich!“ Sie haben sie ersehnt. Uns vom Team der BigS freute die Aufregung über die Neuübersetzung der Bibel. Was wir erhofft haben, geschah: Die Bibel war wieder im Gespräch, viel mehr als vorher.

Wie kam es überhaupt dazu, dass sich Theolog:innen entschieden, die ganze Bibel neu zu übersetzen?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Ruf nach einer Neuübersetzung der Bibel immer lauter. Er kam aus drei Richtungen: von der Befreiungstheologie, der Bewegung für die Gleichberechtigung von Frauen und dem christlich-jüdischen Dialog.

Die Evangelischen Kirchentage nahmen die drei Richtungen auf. Ab 1987 fragten sich Frauen aus der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland: „Wie muss eine gottesdienstliche Sprache aussehen, die Frauen nicht diskriminiert?“ Ihnen ging es besonders um die herrschende Wiedergabe des Gottesnamens mit „Herr“. In der Lutherübersetzung und in der Guten Nachricht ersetzen sie „HERR“ durch „GOTT“ – ein Schritt mit Folgen. Ihre Erfahrungen mit frauengerechter Sprache wurden ab 1991 von der Gruppe aufgenommen, die die biblischen Texte für den Kirchentag neu übersetzte.

Kirchentagshefte enthielten immer die Bibeltexte für die Bibelarbeiten, und zwar nach der Lutherbibel. Seit 1991 standen daneben die Übersetzung der Übersetzungsgruppe für die Kirchentage – ein gewaltiger Schritt. Er machte deutlich, dass die Lutherübersetzung nicht 1:1 den Urtext wiedergibt, sondern dass es auch – nur – eine Übersetzung ist.

Von Anfang an gehörten Frank Crüsemann und Jürgen Ebach dazu. Viele weitere Übersetzer:innen der BigS arbeiteten zeitweise mit: u. a. Luise Schottroff, Claudia Janssen, Renate Jost, Klaus Wengst, Brigitte Kahl. Diese Übersetzungen wurden von der Basis wie Schätze gehortet.

Der Begriff „gerechte Sprache“ hatte sich inzwischen gebildet. Er umschloss geschlechtergerechte, nicht antijüdische, nicht rassistische und sozial gerechte Sprache. Am Reformationstag 2001 gründete sich ein Kreis von Theolog:innen. Sie planten, eine neue Bibelübersetzung herauszugeben. 52 katholische und evangelische Übersetzer:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, alles ausgewiesene Expert:innen, wurden gewonnen, ebenso ein Beirat aus 15 Personen, der das Projekt von Beginn an begleitete, förderte und unterstützte.

Die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache ist ein Projekt, das von Bibelleserinnen und Bibellesern angestoßen und getragen worden ist. Keine Kirchenleitung, keine Stiftung und kein Bibelwerk haben den Auftrag dazu erteilt. Weil es ein vergleichbares Projekt noch nicht gegeben hatte, musste jeder Schritt dieser Arbeit – von den Grundsätzen, der Organisationsform, der Arbeitsweise, der Öffentlichkeitsarbeit, der Kalkulation bis hin zur Klärung der Verantwortlichkeiten – neu entwickelt werden. Herausgabekreis, Beirat, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie ich als Spendenbeauftragte haben von Anfang an ehrenamtlich gearbeitet.

Insgesamt waren 400.000 Euro nötig, damit die BigS zu einem Preis erscheinen konnte, den nicht nur vermögende Menschen zu bezahlen vermochten. Alle Mitwirkenden arbeiteten ohne Honorar. Ohne eine Stelle zur Koordination des Projekts wäre es aber nicht möglich gewesen, die Bibelübersetzung zu realisieren.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat sich von der Idee einer neuen Bibelübersetzung überzeugen lassen. Sie richtete für fünf Jahre eine Projektstelle ein, die bis Ende Oktober 2006 Pfarrerin Hanne Köhler inne hatte.

Inzwischen sind 20 Jahre vergangen. Die Mühe hat sich gelohnt. Es ist eine Erfolgsgeschichte. Mehr als 100.000 Exemplare sind inzwischen verkauft. An zahlreichen Universitäten, Hochschulen, in Gemeinden und Verbänden wird sie intensiv genutzt.

„Wie geht es weiter?“, werden wir immer wieder gefragt. „Gibt es eine neue Übersetzung? Was ist mit dem Dualismus männlich-weiblich? Es gibt doch mehr als nur zwei Geschlechter“. Diese Frage hatten wir Anfang der 2000er Jahre nicht im Blick.

Trotzdem bleibt die Aufgabe, den Dualismus aufzulösen, statt nur von zwei Geschlechtern zu sprechen. Aber wie? Bei Substativen ist es kein Problem: Richter:innen, Jünger:innen, König:innen. Probleme bereiten die Pronomina.

Beispiel Psalm 66,2: „Gott! Sie schenke uns ihre Zuneigung und segne uns. Sie lasse ihr Antlitz leuchten bei uns.“

Wir können „seine Zuneigung“ durch „ihre Zuneigung“ ersetzen. Das Problem ist dadurch nicht gelöst. Es gibt kein geeignetes Personalpronomen. Unsere Sprache ist noch nicht so weit. Aber ich bin sicher: Es wird ein Weg gefunden werden. Genauso wie es durch diese kleine Pause im Wort möglich ist, inklusiv zu reden: Minister:innen, Zuhörer:innen …

Vielleicht fällt Ihnen ja etwas ein? Sprache verändert sich, weil Menschen die Veränderung brauchen und fordern. Das wird auch hier der Fall sein.