Lost in Transformation

Die evangelische Kirche reformiert sich zu Tode. Kaum ist eine Strukturreform beschlossen, folgt die nächste. Kaum endet ein Zukunftsprozess, startet die nächste Transformationsoffensive. Fusionen, Regionalisierungen, Leitbildentwicklungen, Governance-Reformen, Innovationsprogramme und Strategiepapiere bestimmen die Agenda.

Veränderung ist längst kein Mittel mehr. Sie ist zum Selbstzweck geworden. Während auf den Leitungsebenen gerne vom Aufbruch gesprochen wird, ist an der Basis ein anderes Gefühl entstanden: Erschöpfung.

Kann es sein, dass die evangelische Kirche mehr Energie in ihre permanente Selbstoptimierung investiert als in ihren eigentlichen Auftrag? Die Reformmaschine läuft – aber produziert sie noch Wirkung? Seit Jahren wird umgebaut, zusammengelegt, zentralisiert und neu organisiert. Die entscheidenen Fragen bleiben dabei jedoch auffällig unbeantwortet: Was hat sich eigentlich verbessert? Kommen mehr Menschen mit dem christlichen Glauben in Berührung? Werden Gemeinden lebendiger? Entstehen mehr Vertrauen, mehr Gemeinschaft, mehr geistliche Orientierung? Mehr weltbegleitende und auch verändernde Ideen? Oder sind vor allem neue Organigramme, neue Prozesse und neue Gremien entstanden?

Es drängt sich der Eindruck auf: Wenn etwas nicht funktioniert, wird die Struktur verändert. Wenn es danach immer noch nicht funktioniert, wird die Struktur erneut verändert. Und wenn auch das nichts bringt, startet die nächste Transformation. So wird die Reform selbst zum Kerngeschäft. Die Kirche arbeitet nicht mehr nur an ihrer Zukunft. Sie beschäftigt sich zunehmend allein mit sich selbst.

Mit Formulierungen wie „völlige tektonische Verschiebung“ oder „es wird kein Stein auf dem anderen bleiben“, geäußert von kirchenleitenden Personen, wird der Verlässlichkeit, die für innovatives Arbeiten von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen erforderlich ist, jegliche Grundlage entzogen.

Transformation oder betriebswirtschaftlich organisierter Rückzug? Besonders auffällig ist die Sprache.

„Transformation“ klingt zunächst nach Aufbruch. Für viele Mitarbeitende bedeutet das Wort inzwischen etwas anderes: Stellenabbau. Gebäudeschließungen und/oder Verkauf. Zentralisierung. Sparprogramme. Weniger Gestaltungsspielraum. Weniger Präsenz vor Ort. Was als Innovation verkauft wird, wird vielerorts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.

Je größer die Lücke zwischen offizieller Kommunikation und gelebter Realität wird, desto schneller schwindet Vertrauen. Menschen merken, wenn Aufbruch verkündet wird, während gleichzeitig Abbruch stattfindet. Die eigentliche Krise heißt nicht Wandel, sondern Erschöpfung, auch Desinteresse an der Kirche. Die größte Gefahr für die evangelische Kirche ist nicht der Widerstand gegen Veränderungen, die größte Gefahr ist die Gewöhnung an sie.

Wenn Mitarbeitende und Ehrenamtliche nur noch müde mit den Schultern zucken, ist ein gefährlicher Zustand entstanden. Dann fallen Sätze wie: „Warten wir ab. In ein paar Jahren wird ohnehin wieder alles neu organisiert“.

Wo solche Sätze zum Normalzustand werden, verliert die Kirche mehr als Strukturen. Sie verliert Glaubwürdigkeit. Und irgendwann verliert sie Hoffnung.

Die eigentliche Provokation!

Vielleicht braucht die evangelische Kirche nicht die nächste Transformation. Vielleicht braucht sie eine Pause von der Transformation. Vielleicht wäre die mutigste Reform der kommenden Jahre, keine neue Reform auszurufen. Sondern sich wieder auf die Frage aller Fragen zu konzentrieren, die keine Struktur beantworten kann: Wozu sind wir eigentlich Kirche?

Unbedingt zu klären ist dabei: Gibt diese Kirche Menschen Hoffnung? Bietet sie Orientierung? Stiftet sie Gemeinschaft? Stärkt sie den Glauben? Wenn die Antworten darauf unklar werden, ist nicht die Transformation gescheitert. Dann hat die Kirche ihre eigentlichen Ziele aus den Augen verloren. Dann ist sie nicht auf dem Weg in die Zukunft. Und dann ist sie vor allem eines: Lost in Transformation.