
Geschichten von Menschen in Kriegs- und Krisensituationen
Katrin Eigendorf ist internationale Sonderkorrespondentin des ZDF. Ihre Aufgabe: vertiefend Bericht zu erstatten über Konflikte und deren Folgen. Die Journalistin spricht mit den Taliban, begleitet ukrainische Soldaten an die Front, trifft sich mit mutigen Afghaninnen, die Mädchen in Untergrund-Schulen unterrichten. Ihre Arbeit beschreibt sie in ihrem Buch „Erzählen was ist“. Sie verknüpft dabei die Geschichten mit ihrem persönlichen Werdegang. Das macht sie besonders nahbar.
Katrin Eigendorf (geb. 1962) ist eine erfahrene Kriegsberichterstatterin. Viele werden sie verstärkt wahrgenommen haben, als sie monatelang über den russischen Angriffskrieg aus der Ukraine berichtete.
Eigendorf stammt aus Krefeld und ist die Erste in ihrer Familie, die studiert. Nach dem Abitur macht sie ein Praktikum bei einer Lokalredaktion, danach schreibt sie sich an der Uni Dortmund ein für den damals noch relativ neuen Studiengang Journalismus.
Mit einem Stipendium geht sie 1986 nach Paris. Dort trifft sie auf den Korrespondenten Ulrich Wickert, der sie gleich als Producerin für einen Film über Migration nach Südfrankreich schickt.
In ihrer Diplomarbeit beschäftigt sie sich mit der Arbeit von Auslandskorrespondenten. Ihr damaliges Fazit gilt für sie noch immer: „Es hängt entscheidend von der Sichtweise und den Einstellungen, von Sensibilität und Einfühlungsvermögen des Korrespondenten ab, welches Bild der Welt der Zuschauer vermittelt bekommt. Er prägt immer noch das Weltbild von Millionen, deren Einschätzungsvermögen und Vorurteile. Denn der Zuschauer erkennt nur selten, dass Berichte aus dem Ausland das individuelle Produkt eines Menschen und nicht das objektive Abbild der Realität sind. Hier wird die Macht des Korrespondenten deutlich.“
Sie erzählt im Buch nicht nur Geschichten von Menschen in Krisensituationen, sondern setzt sich auch mit der Qualität von Journalismus auseinander. „Ein guter Journalist ist jemand, der seine Perspektive reflektiert, Empathie zeigt und Verantwortung übernimmt. Ein guter Journalist ist ein professioneller Augenzeuge. Einer, der zeigt, was ist – und es überprüft, einordnet. Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet, nicht der Objektivität, denn die gibt es nicht“, schreibt sie. Guter Journalismus hat auch mit Rechtsprechung zu tun. Ärgerlich, dass im Titel des Buches ein Komma fehlt.
Katrin Eigendorf berichtet aus Israel von 2023 bis 2025. Sie war im Land kurz nach dem Angriff der Hamas auf Israel. Sie sieht das Leid der Israelis und das Leid der Palästinenser, macht einen Ausflug in die Neurowissenschaft. „Muster wie Eskalation, der Ruf nach radikalen Maßnahmen oder die Entstehung von Feindbildern sind direkte Reaktionen des Nervensystems. Unter Bedrohung übernimmt das ‚Alarmzentrum‘ unseres Gehirns – die Amygdala – die Kontrolle. Ihre evolutionäre Aufgabe ist es, unser Überleben zu sichern.“ Oberstes Ziel sei der Schutz der eigenen Gruppe. Je länger die Bedrohung, desto weniger Zugang gebe es zu neuen Perspektiven.
Kurz und knapp erklärt sie auch die Geschichte. Das Gebiet, auf dem der Staat Israel am 14. Mai 1948 gegründet wird, Palästina, sei damals bereits bewohnt. Ein UN-Teilungsplan für Palästina am 29.11.1947 ist die Grundlage für die Gründung des israelischen Staates – und es soll einen Staat Palästina geben. Jerusalem und Bethlehem sollen unter internationale Verwaltung gestellt werden. Die jüdische Seite stimmt zu, die arabischen Nachbarstaaten lehnen ab. In einem Bürgerkrieg beginnt. Zur Wahrheit der palästinensischen Tragödie gehöre auch, dass die Palästinenser nicht nur Opfer der israelischen Besatzung seien, sondern auch der politischen Interessen ihrer arabischen Nachbarn. Ägypten und Jordanien annektierten die verbliebenen Gebiete, keine arabische Armee marschierte je, um Palästinenser zu schützen. Und heute? Israel lasse keine Reporter in den Gazastreifen. Allein die Hamas bestimme, was die Welt von dort zu sehen bekommt.
Katrin Eigendorf reist nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 mit dem israelischen Regisseur Evitar Monchaz durch Israel. Er fragt sich: „Mit wem möchte ich eigentlich zusammenleben? Vielleicht sollten Linke und Liberale einen Staat zusammen mit den Palästinensern gründen, die auch Frieden wollen?“
Sie macht keinen Hehl daraus, dass oft weh tut, was sie sieht. Sie könne die Geschichten nicht erzählen, wenn sie keine Verbindung mit Menschen eingehe, sich berühren lasse. „Es sind nicht die Fakten und das, was ich sehe, allein. Es ist auch, was ich spüre: die Verzweiflung, den Willen, den Mut. Sich darauf einzulassen, kostet Kraft und Konzentration. Es sind intime Momente, in denen ich bereit sein muss, den Schmerz zuzulassen und mich verwundbar zu machen. All das auf Distanz zu halten, nicht mitzufühlen, würde für mich bedeuten, kein Mensch zu sein.“
Katrin Eigendorf hat mit ihrem Mann Jörg, auch ehemaliger Journalist, einige Jahre in Russland gelebt. Die beiden haben dort Freunde gefunden, das Land ist ihnen vertraut. Doch Russisch möchte Katrin Eigendorf heute nicht mehr sprechen. Stattdessen hat sie Ukrainisch gelernt. Russland wirft sie eine neue Art der Informationskriegsführung vor, zum Beispiel mittels des Senders Russia Today. Dessen Ziel und das anderer russischer Medien sei es nicht, Menschen von einer Lüge zu überzeugen, sondern Misstrauen zu säen. Die russische Kriegstaktik erschüttere den Glauben an die Wahrheit.
In Demokratien lernen Journalist:innen, alle Seiten in einem Konflikt zu Wort kommen zu lassen. Das mache sich Russland zunutze. „Wenn der Außenminister Sergej Lawrow die Massaker im ukrainischen Butscha 2022 als eine Inszenierung der ukrainischen Regierung bezeichnet, dann ist das aus Sicht einer westlichen Redaktion eine Perspektive, die abgebildet werden muss. Schließlich hat das ja der russische Außenminister gesagt“, schreibt sie. Sie sei von russischer Seite der Lüge und Propaganda beschuldigt, als Kriegshetzerin und Berufslügnerin bezeichnet worden. Die Rückendeckung im eigenen Haus habe ihr lange gefehlt. Im Gegenteil: Sie sei ermahnt worden, sie solle sich zurücknehmen, ihre Analysen und Reportagen seien einseitig, falsch und vorschnell, sie sei zu emotional. Der Chefredakteur habe das kritisiert, wofür sie acht Jahre später mit Preisen ausgezeichnet worden sei.
Gut, dass sie sich nicht hat beirren lassen. Dass sie weiterhin erzählt, was ist – in einer Zeit, in der vieles ins Wanken gerät. Gerade jetzt bräuchten Menschen Informationen. „Wer informiert ist, lässt sich nicht so leicht manipulieren. Wer Zusammenhänge erkennt, erkennt Verantwortung. Und wer Verantwortung übernimmt, handelt – bevor es zu spät ist.“

Katrin Eigendorf:
Erzählen was ist – Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege
Fischer-Verlag 2026, 256 Seiten
ISBN 978-3103976991

