Leben ohne Social Media

Lange gehörte Social Media zu meinem täglichen Ritual. Nachrichten lesen, neue Beiträge veröffentlichen, Informationen aus der Gemeinde in die Welt setzen. Seit Aschermittwoch aber mache ich eine Social-Media-Pause.

In den vergangenen Jahren habe ich das immer wieder getan: Sieben Wochen Abstand von den Kanälen wie Facebook und Instagram, um zu beobachten, was das mit mir macht. Doch dieses Jahr bin ich bei der Social-Media-Pause geblieben.

Was ich derzeit nicht vermisse, ist das aufgeheizte Kommentieren bei allen gesellschaftlichen Reizthemen oder den Sexismus, der mir ungefragt in den Feed gespült wird. Ich fühle mich auch entlastet, weil ich nicht mehr jeden Mist lesen muss und nebenbei auch das ständige Vergleichen weggefallen ist. Sonst habe ich täglich Menschen gesehen, die scheinbar glücklicher, schöner und erfolgreicher sind, die gerade an tolleren Orten zu sein scheinen oder überhaupt alles besser machen. Das ist wie ein immerwährendes Klassentreffen – kurz: anstrengend!

Lange war ich ein glühender Verfechter kirchlicher Präsenz in den sozialen Netzwerken. Ich war überzeugt, dass wir dort an der Kommunikation des Evangeliums teilnehmen müssen, dass wir dem Hass die Liebe Gottes entgegensetzen und von den großen und kleinen Erfolgen unserer Kirchengemeinden erzählen sollten. „Wer im Internet nicht zu finden ist, den gibt es nicht“, hat Hanno Terbuyken einmal gesagt. Das war lange auch mein Mantra.

Ich habe mich in fast allen Netzwerken ausprobiert. Mit Studi-VZ und Facebook bin ich erwachsen geworden; Mark Zuckerberg ist mein Jahrgang. Twitter, YouTube, TikTok und weitere Plattformen probierte ich später. Mit der Zeit habe ich die meisten wieder verlassen. Zuerst TikTok, weil mich die endlose Folge kurzer Videos furchtbar nervte. Später Twitter, als Elon Musk die Plattform übernahm und sie in X umbenannte.

Zunehmend kamen Fragen in mir auf: Kann es sein, dass es den sozialen Medien vorrangig darum geht, uns möglichst lange festzuhalten und möglichst viel Werbung zu verkaufen? Und haben die sozialen Netzwerke irgendwann aufgehört sozial zu sein? Nicht ohne Grund versuchen ganze Staaten die Nutzung durch Kinder und Jugendliche einzuschränken wegen des enormen Suchtpotentials. Und politisch sind die Netzwerke auch nicht neutral. Im letzten Jahr haben die mächtigen Tech-Bros den Kniefall vor Donald Trump gemacht und schon gezeigt, dass sie kein gesteigertes Interesse an Demokratie, Wahrheit oder freiem Wettbewerb haben.

Ein vollkommener Rückzug wäre gerechtfertigt. Doch was bedeutet der Verzicht langfristig für die Gemeinde? Kann ich es mir als Pfarrer leisten, in den Netzwerken nicht mehr präsent zu sein? Konzentriere ich mich dadurch stärker auf das Wesentliche – oder verliere ich einen wichtigen Teil meiner Kommunikation?

Ich bin in den 20 Jahren mit Facebook definitiv kein großer Influencer geworden. Manchmal habe ich erstaunt auf diejenigen geschaut, die mit ihren Posts tausende Followerinnen und Follower erreicht haben – wie etwa Pfarrerin Theresa Brückner mit „Theresa liebt“ oder das Pfarrerehepaar Radtke mit „Anders Amen“, mit denen ich in Berlin studiert habe. Doch hat ihre Reichweite sie glücklich gemacht? Haben die Social-Media-Pfarrpersonen zur Verbreitung des Evangeliums beigetragen, oder mussten sie vielmehr das Spiel um Aufmerksamkeit und Trends mitspielen? Waren die eigens für sie geschaffenen Stellen auf Dauer ein Segen oder sind nicht manche ganz froh, die Phase hinter sich gelassen zu haben (wie „Anders Amen“, die im Sommer 2026 aufgehört haben oder der württembergische Pfarrer Nicolai Opifanti „pfarrerausplastik“)? Von der einstigen EKD-Influencerin Jana Highholder ganz zu schweigen, von der ich derzeit nur noch Äußerungen wahrnehme, die mir politisch und theologisch völlig fremd sind.

Bei aller Skepsis: Auch in meiner Digitalpraxis gab es Erfolge. Über Social Media erreichten mich Tauf-, Trau- und Seelsorgeanfragen. Bei Stellenausschreibungen schrieben fast alle Bewerberinnen: „Wie ich auf Instagram gelesen habe …“ Die Botschaften in den Netzwerken haben Menschen erreicht und Bilder von einer aktiven Kirche in der Region in die Welt getragen, zu Menschen, die ich auf anderen Wegen vielleicht nicht erreicht hätte.

Zurzeit probiere ich aus, was ohne Social Media geschieht. Ich habe meine Konten bei Facebook und Instagram nicht gelöscht, aber ich habe die Apps von meinen mobilen Geräten entfernt und mich seitdem nur hin und wieder über den Browser angemeldet. Digital bin ich damit momentan nahezu unsichtbar – abgesehen vom WhatsApp-Status und der Homepage, dem klassischen Instrument der Öffentlichkeitsarbeit.

Vielleicht ist weniger tatsächlich mehr: mehr Konzentration auf das, was langfristig trägt und zur Arbeitszufriedenheit beiträgt. Das endlose Scrollen durch Feeds und Nachrichten gehört jedenfalls nicht dazu. Für viele ist die absolute Enthaltung sicher kein Weg, weil sie Angst haben, Innovationen, Trends und Veränderungen zu verpassen. Vielleicht mag es eine Lösung sein, ein Zeitbudget einzurichten oder die Apps auf ausgewählten Geräten zu installieren, die klar mit Arbeit verbunden sind. Damit gewinne ich Zeit: für ein gutes Buch, das mir hilft, meine Arbeit zu reflektieren oder meine Predigt zu verbessern. Ich gewinne Zeit für Gespräche, Telefonate oder einfach für Ruhe, einen Gedanken zu Ende denken zu können, wenn nichts aufblinkt und mich aus der Konzentration wirft. Sicher braucht es die Trennung zwischen Dienstlichem und Privatem auch im Digitalen, der Gedanke einer Vorder- und einer Hinterbühne.

Noch ist mein Social-Media-Verzicht ein Experiment. Aber bisher vermisse ich wenig und gewinne viel. Vielleicht muss Kirche nicht überall und ständig präsent sein. Sie sollte aber dort sein, wo wirkliche Begegnung möglich ist.