Völlig losgelöst

Über die neue Fremdheit der kirchlichen Bestattungskultur

„Wissen Sie, unsere Mutter war keine Kirchgängerin. Sie war schon irgendwie gläubig, aber eben keine Kirchgängerin“, heißt es stetig wiederkehrend, und das meint: „…und wir sind es auch nicht“.

Die Frage nach einem biblischen Wort, das der verstorbenen Person vielleicht wichtig gewesen sein könnte, nach einem Tauf- oder Konfirmationsspruch löst regelmäßig Kopfschütteln aus. Bibelvers? „Wir haben nie in der Bibel gelesen“. Konfirmationsspruch? Nicht bekannt. Ähnlich sieht es mit dem Liedgut aus, das bereits im Vorfeld mit dem Bestattungsinstitut ausgesucht wird. Gern gewählt wird „Die letzte Rose“ von Lydia Li oder: „Amoi segn mer uns wieder“ von Andreas Gabalier. Auch Elvis Presley rührt an alte Sehnsüchte. An kirchlichen Liedern wird bei einigen noch „Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer gewünscht, inzwischen weitaus seltener „So nimm denn meine Hände“ von Julie Hausmann. Aber: „Nein, singen können wir es nicht.“ In letzter Zeit erklingt auch „Mögen Engel dich begleiten“, immerhin mit einem religiös orientierten Text, der der neuen Spiritualität zu entsprechen scheint.

Symptomatisch für die veränderten Bedürfnisse und für mich höchst irritierend war die Liedauswahl von Elvis Presleys „Wooden heart“ (Muss i denn, muss i denn…), eingespielt nach der geistlichen Ansprache; und am verblüffendsten der dringende Wunsch der Angehörigen nach dem Lied: „In der Weihnachtsbäckerei“ mit sämtlichen Strophen – Oma hatte gern gebacken und genascht.

Wie kann ich die Bedürfnisse der anwesenden „Trauergemeinde“ angemessen aufgreifen, und mir selbst dabei treu bleiben? Manchmal würde ich gerne sagen: „Bitte beauftragen Sie doch eine nicht-kirchliche Trauerrednerin, das passt besser!“ Tatsächlich fällt mir als Pfarrerin manchmal zunächst nichts Hilfreiches mehr ein, aber ich komme der Herausforderung nach und mache das Beste daraus. Denn schließlich gilt: Da der oder die Verstorbene der (überwiegend) älteren Generation Mitglied in der Kirche war, hat er oder sie einen Anspruch auf die Versorgung mit einem würdigen, religiösen Ritual. Ich kann das Menschliche ansprechen, mit Empathie aufgreifen, Tragik und Verlust in Worte fassen, den Lebensweg würdigen.

Aber dann, wenn es biblisch-theologisch wird, das eigentlich Christliche zur Sprache kommen will, ist einiges an Geschick für den Brückenschlag gefragt. Was also ist „das Beste“ für die Menschen, die ich begleite?

In der Begegnung mit Trauernden müssen sich Pfarrerinnen und Pfarrer heute auseinandersetzen mit Unwägbarkeiten, die es in dieser Ausprägung vor wenigen Jahrzehnten nicht gegeben hat. Ich nehme diese Veränderungen seit meinem Dienstbeginn im Jahr 1991 deutlich wahr. Verstärkt erlebe ich die direkten Auswirkungen des Traditionsabbruchs, der Individualisierung, der Entfremdung vom kirchlichen Liedgut, von biblischen Texten und deren Auslegung in Trauerfeiern seit meinem Wiedereinstieg in das Gemeindepfarramt im Jahr 2017, nach einer längeren Zeit als Schulpfarrerin und Schulseelsorgerin.

Der zentrale Kern des Christentums, die Auferstehung Jesu, scheint kaum noch vermittelbar. Wie weit können, wollen wir den Angehörigen entgegenkommen, wie viel Anpassung ist dazu nötig? Wie können wir theologisch eine neue Sprache sprechen, die die Menschen erreicht?

Es ist kaum möglich, die Botschaft des Evangeliums unverpackt zu predigen. Kommt die Schriftlesung rüber? Kennt die Trauergemeinde noch das Vaterunser, kann sie es frei sprechen oder sollte ich es vielleicht besser ausgedruckt mitbringen?

Einige Male stand ich am Grab und betete als Einzige allein diese uralten, vertrauten Worte. In den Gesprächen zur Vorbereitung der kirchlichen Trauerfeiern höre ich fast immer Sätze wie die eingangs zitierten. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht nur die Kirchen, sondern auch die meisten Trauerhallen zu groß geworden sind. Oft nähme man besser nur eine Beisetzung am Grab vor.


In diesem heißen Sommer erwies sich jedoch zusätzlich der schwarze Talar als echte Last.
Wie authentisch, wie hilfreich, wie passend kann die kirchliche Bestattungsliturgie noch sein, die sich die Pfarrpersonen während der praktischen Ausbildung zum Pfarramt erworben und angeeignet haben?
Können wir das kirchliche Bestattungsritual, insbesondere die Texte und die Liturgie, anpassen, umschreiben, kreativ verändern, um die Menschen im post-christlichen Zeitalter besser zu erreichen? Wie können wir feststellen: Das kommt an, ist stimmig und hilfreich?


Durch Erfahrungen in verschiedenen Kirchengemeinden meines Dekanats bewegen mich diese Fragen intensiver als je zuvor. So entstand im Frühjahr 2026 die Idee, mich zu einem Bestattungshaus auf den Weg zu machen, dem ich aufgrund von persönlichen Erfahrungsberichten und Zeitungsartikeln das Attribut „Bestattungsunternehmen mit zeitgemäßem Profil“ zuschreiben würde.
„Sterbenleben“ hat seinen Sitz in Darmstadt-Eberstadt, mitten in einem kleinen Einkaufszentrum, das sich derzeit im Umbruch befindet. Einige Läden wurden aufgegeben und stehen leer; Leerräume, die überlegen lassen, was hier alles möglich wäre. Mittendrin hat das Institut „Sterbenleben“ seinen Sitz. Es bietet ein beeindruckendes, vielseitiges Angebot, auch für Menschen, die auf der Suche nach Alternativen zu kirchlichen Trauerfeiern sind.


„Kirche nah bei den Menschen“, „Mitgliederorientierung“, „Gemeinwohl- und Sozialraumbezug“ – diese thematischen Zielsetzungen, die sich die ekhn2030 auf ihre Fahnen geschrieben hat, habe ich im Kopf, als ich mich zum Bestattungsinstitut begebe.


Schon beim ersten Betreten nehme ich einen angenehmen Duft nach Holz wahr, die hellen Räume lassen viel Licht herein – all das passt gut zu der Freundlichkeit und Offenheit, mit der ich empfangen werde und die auch die Atmosphäre des Gesprächs bestimmen. Der Geschäftsführer und seine Mitarbeiterinnen sind gerne bereit, einige der Fragen zu besprechen, die mir nicht zuletzt auf der neu geschaffenen Pfarrstelle des Dekanats zur Unterstützung der Nachbarschaftsräume am Herzen liegen. Mich interessiert vor allem ihre professionelle Perspektive, ihre Wahrnehmung der kirchlichen Bestattungen, wie sie derzeit von meinen Kolleg:innen und mir gestaltet werden.


Vom eigenen Verständnis her sind wir Pfarrpersonen an der Seite bei den Angehörigen, aber näher dran, von Anfang an, sind inzwischen wohl die Bestatter. Sie werden als erste kontaktiert, sie begleiten den Prozess von der Abholung der Verstorbenen zuhause bis hin zur Beisetzung. Auch darin zeigt sich eine Veränderung, jedenfalls in den städtischen Gemeinden: Nur in Ausnahmefällen wird die Pfarrerin, der Pfarrer noch zur Aussegnung ins Sterbehaus gerufen.


Wir sind uns einig: Anhand aktueller Statistiken lässt sich erkennen, dass – trotz der demographisch bedingten Zunahme der Gruppe älterer Menschen und trotz der Übersterblichkeit während der sommerlichen Hitzeperioden – der Bedarf an kirchlich begleiteten Bestattungen in den letzten Jahren verhältnismäßig stark zurückgegangen ist und vermutlich noch weiter zurückgehen wird.

Der Geschäftsführer von „Sterbenleben“ berichtet, dass etwa 80–90 Prozent aller Bestattungen, die durch das Institut begleitet werden, nicht kirchlich orientiert sind. Ob das an der Zielgruppe des Instituts liege, frage ich? Ja, das spiele eine Rolle, doch der Eindruck könne auch mit Blick auf die allgemeine, gesellschaftliche Entwicklung bestätigt werden.

„Sterbenleben“ vertritt Werte, die auch ich teile. Auf der Homepage ist das so formuliert: „wertschätzend, unterstützend, warmherzig, respektvoll und einfühlsam begleiten wir Menschen unterschiedlicher Religionen, Weltanschauungen und Lebensformen.“

Die Gründerin, Sabine Eller, nennt sich Seelenhebamme und Fährfrau, der Geschäftsführer Tom Schröpfer Sterbegefährte. Das Haus bietet professionell vielfältige Trauerbegleitung an und lädt zu Tagesveranstaltungen ein, wie z.B. die kreative Gestaltung von Seelenbrettern, Memento-Tage, auch Filme werden gezeigt, um Menschen auf dem Weg des Abschiednehmens bestmöglich zu unterstützen. Auch Trauerbegleitung für Kinder wird angeboten.
Mich interessierte im Gespräch ebenso, welchen veränderten Bedarf die Bestatterinnen und Bestatter in Blick auf die veränderte Trauerkultur feststellen konnten? Auch die Frage, wie wir aus Sicht der Bestatter als Kirche durch unseren Dienst am Menschen darauf angemessen reagieren können. Interessant waren deshalb vor allem die Anregungen der Bestatterin Simone Eisenlohr, die katholische Theologie studiert hat. Sie schlägt vor, mehr Gestik und Mimik einzusetzen, Starres durch Bewegung aufzubrechen, Symbole zu nutzen, Rituale einzubauen, Gemeinschaft der Trauernden herstellen. Im Detail Neues zu wagen; weg von dem starren Ritual des vom Pult-her-Vortragenden hin zu begleitendem, gemeinschaftlichem Trauern.

Inhaltlich sind damit manche Fragen nicht beantwortet. Theologisch finde ich mich bei Bonhoeffers viel zitiertem Wort wieder: „Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein. Auch diejenigen, die sich ehrlich als ‚religiös‘ bezeichnen, praktizieren das in keiner Weise; sie meinen vermutlich mit ‚religiös‘ etwas ganz anderes.“ Wir sind wohl mittendrin in dieser von Bonhoeffer prognostizierten Zeit.

Wenn wir die Sprache als Brücke ansehen zwischen der kirchlichen Tradition und den Haltungen und Lebenseinstellungen der Menschen unserer Zeit, empfinde ich angesichts der modernen „Übergänge“ des Lebens schmerzhaft die Sprachfremdheit der Theologie. An den Rändern der Existenz, am Abschied von den Verstorbenen und der Trauer der Hinterbliebenen, wird spürbar, dass wir ein authentisches Sprechen brauchen für das, was uns und unseren Lieben geschieht und worauf wir hoffen, womit wir leben können. Die Hoffnung auf die Auferstehung ist, so möchte ich behaupten, eine „ver-diesseitigte“, sie wurde zur Hoffnung auf ewiger Liebe in den Herzen der Menschen und hat sich losgelöst von jeder transzendenten Vorstellung.

Zum Althergebrachten können wir nicht zurückkehren. Es ganz aufzugeben, die biblischen Texte, die Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, Christus als Vermittler zwischen Himmel und Erde – hieße, sich davon zu verabschieden.

Noch haben sich Avatare, die mittels KI von der verstorbenen Person erstellt werden können, damit die Hinterbliebenen mit ihren geliebten Menschen über den Bildschirm sprechen können, so als lebte er noch, nicht durchsetzen können. Doch wer weiß, was noch auf uns zukommt. Eine meiner Gesprächspartnerinnen sieht das übrigens als gute Möglichkeit an.

Ich kann mich nur freuen über jede Trauerfeier, bei der die biblischen Bezüge und religiösen Lieder (die es auch als neues Liedgut gibt) ihren guten Platz haben. Jene Trauerfeiern, die wir noch als religiöse Bestattung gestalten dürfen.

Rein rechnerisch sind die Zahlen ernüchternd: Von 42 Bestattungen in elf Monaten, die ich im letzten Jahr gestaltet habe, waren nur sieben mit erkennbar religiös orientierten Angehörigen vorbereitet. Diese Entwicklung ist neu. Sie ist – neben anderen Faktoren – auf den Einfluss der digitalen Medien zurückzuführen, der nicht nur die kulturelle Landschaft, sondern auch unsere kirchliche Lage unvergleichbar verändert hat. Die Menschen haben sich weit entfernt von traditionellen kirchlichen Ritualen, wie am Beispiel der Bestattungen deutlich wird. Und doch: sie dürfen nicht fehlen, es wäre ein Verlust für unsere Trauerkultur. Darin sind wir – die Bestatter und ich – uns einig. Über die Gründe der beschriebenen Entwicklung ist vieles in den letzten Jahren geschrieben worden und es gilt sie weiter zu erforschen, und sich auf den Weg zu machen, Neues zu entwickeln.

Wie löse ich selbst das Problem, das ich im Artikel angesprochen habe? Es bleibt eine Gratwanderung, mit der neuen Fremdheit müssen wir leben, umgehen lernen. Mein persönlicher Ansatz ist, herauszutreten aus dem Formelhaften und in den Dialog mit den betroffenen Menschen zu kommen und zu bleiben. Ich nehme poetische Texte und Symbole in die Liturgie auf; ich stehe nicht starr am Pult, sondern bin selbst bewegt und nehme Anteil. Die Botschaft von der Auferstehung von Jesus Christus bleibt mein Ausgangspunkt, Fundament und Ziel.

Für mich ist dies der Dienst an den Menschen, sowohl an den Hinterbliebenen als auch an den verstorbenen Personen. Mir scheint, es ist an der Zeit, das Christliche miteinander neu zu formulieren, im Dialog mit betroffenen Menschen, an den Übergängen, an den Rändern des Lebens und auf der Suche nach authentischer, christlicher Gemeinschaft.