Zur Gegenwart und Zukunft des Sonntagsgottesdienstes

Sieben Thesen und drei Perspektiven

  1. Was heute vielerorts als „Krise“ des Gottesdienstes wahrgenommen wird, lässt sich auch als „Wandel“ der Gottesdienstkultur beschreiben. Gemeinschaftlich Gottesdienst zu feiern, ist ein Wesenszug des Christentums; die Art und Weise jedoch, wie dies geschieht, verändert sich geschichtlich permanent. Dies betrifft den lebensweltlichen Ort, die Gestaltungsformen und die Teilhabe-Rhythmen liturgischer Praxis.
  2. Der Kirchgang wurde in früheren Zeiten als eingelebte „Sitte“ praktiziert und durch soziale „Konvention“ gestützt – mithin durch gesellschaftliche Billigung bzw. Missbilligung erwirkt. Heute hingegen hat der Gottesdienst mehr und mehr den Charakter einer „Veranstaltung“ angenommen, deren Besuch konkret veranlasst und persönlich motiviert ist.
  3. Zur Wahrnehmung des gemeindlichen Sonntagsgottesdienstes gehört die Diskrepanz zwischen institutioneller Logik und lebensweltlicher Zugangsweise: Der Sonntagsgottesdienst erscheint in kirchlicher Perspektive als Normalfall liturgischer Praxis; für die große Mehrzahl evangelischer Christinnen und Christen hingegen stellt er hierzulande aber gerade nicht den Normalfall gottesdienstlicher Teilhabe dar. Diese Spannung ist selbst ein Signum der (spät)modernen Gottesdienstkultur.
  4. Dass der sonntägliche Kirchgang zur Minderheitenpraxis geworden ist, hat auch mit zwei einschneidenden kulturellen Veränderungen im Zuge der Moderne zu tun: Zum einen verliert seit dem 19. Jahrhundert die Kirche inmitten der sich neu herausbildenden vielfältigen sozialen und kulturellen Formen des öffentlichen Lebens ihr Veranstaltungs- und Kommunikationsmonopol; zum anderen etabliert sich im 20. Jahrhundert eine neue Wochenendkultur mit veränderter lebensweltlichen bzw. familiären Dramaturgie. Die Abfolge von Freitag(abend), Samstag und Sonntag gestaltet sich um; der Sonntagvormittag gewinnt eine andere Prägung.
  5. Vom Gottesdienst lässt sich heute nur im Plural sprechen; seit den 1970er Jahren haben sich die Formen, Zeiten, Themen, Stile und Erlebnisweisen von Gottesdiensten vervielfältigt. Diese Pluralisierung spiegelt sich nicht nur in der Ausfächerung des gottesdienstlichen Spielplans wider, sondern kennzeichnet mittlerweile auch die Wahrnehmungsweise der Kirchenmitglieder. Zum neuen Ensemble gottesdienstlicher Angebote gehören fortan auch digitale Formate. Sie prägen in veränderter Weise die Gestaltung und das Erleben von Gottesdiensten und stehen tendenziell quer zur parochialen Logik des Sonntagsgottesdienstes.
  6. Die ererbte Bedeutung der regelmäßigen Sonntagsgottesdienste liegen in der Verlässlichkeit geprägter Formen und der Nachhaltigkeit einer liturgisch gebundenen Sprache;
    sie erscheinen als ein Kennzeichen einer kirchlichen Identität der Ortsgemeinde. Sie fungieren auch als Gottesdienste „in Stellvertretung“: Es ist gut, dass sie stattfinden, auch wenn man sich selbst nicht einfindet.
  7. Als Auszeiten vom geschäftigen Leben sind Gottesdienste Anregung wie auch Schonraum für Menschen. Sie finden Resonanz, wenn Menschen in ihnen Orientierung finden, Lebensgefühle zum Ausdruck bringen können, Zugehörigkeit erleben und – ubi et quando visum est Deo – verändert werden.



Dr. Kristian Fechtner
Professor für Praktische Theologie
Mainz